Meschnetze im Freifunk und im Hamnet für ein eigenes Internet? Drucken E-Mail
Freitag, den 09. Oktober 2009 um 10:51 Uhr

Meschnetze im Freifunk und im Hamnet für ein eigenes Internet?

Anfang der 80er Jahre hat der Amateurfunk mit seinem weltweiten Packet-Radio-Netz, kurz PR, eine Pionierleistung in der drahtlosen Netzwerkkommunikation geschaffen. Funkamateure konnten mit ihrem eigenen Packet-Radio-Netz die Vorläufer der E-Mails in alle Welt verschicken und Informationen auf Bulletin-Boards austauschen. Packet-Radio war im Prinzip eine Vorstufe des Internets, welche auf Grund der geringen Übertragungsgeschwindigkeit auf Text und wenige Bilder beschränkt war. Durch die Konkurrenz zum Internet ist PR aus heutiger Sicht praktisch tot. Was spricht dafür oder dagegen, wenn Funkamateure ihr zweites Internet aufbauen würden, das an Geschwindigkeit und Komfort dem kommerziellen Internet mindestens ebenbürtig ist?

Mitte der 90er Jahre haben viele nur deshalb die Amateurfunkprüfung angetreten, um am Packet-Radio-Netz teilhaben zu dürfen, denn das Internet war mit den alten Telefonmodems noch langsam und teuer. Inzwischen ist das Interesse für PR fast auf Null gesunken. Das heutige schnelle Internet mit einem ADSL-Zugang rund um die Uhr dank kostengünstiger Flatrate ist wesentlich komfortabler und bietet Möglichkeiten, die vor 10 Jahren noch nicht selbstverständlich waren. Dazu gehören VoIP (Telefon über das Internet), Web-TV und Radio über das Internet, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Funkamateure suchen ihre persönlichen Kontakte schon längt über E-Mail, Foren, Skype und kostenlose Telefongespräche via VoIP. Insgeheim stellen sich nicht wenige die Frage, ob der traditionelle Amateurfunk zum Museumsbetrieb verkommt.

Welchen Nutzen hätte ein zweites Internet? Es gibt ja schon ein Internet. Welchen Vorteil würde die Anstrengungen tausender Funkamateure bringen ein zweites Internet aufzubauen? Wo steckt der Zusatznutzen? Nicht nur mir wird aufgefallen sein, dass fast unser ganzes Leben von den zwei dünnen Drähten einer Telefonleitung abhängt, über die inzwischen ein Großteil unserer Kommunikation abläuft. Beim Schreiben dieser Zeilen läuft ein Web-Radio im Hintergrund, E-Mails treffen ein und Skype ist eingeschaltet. Viele Dinge werden über das Web bestellt und bezahlt. Und das alles hängt von einem einzigen Provider ab, dem ich praktisch ausgeliefert bin. Zudem gibt es Provider, die bestimmte Dienste wie IP-Telefonie sperren oder den Betrieb von eigenen FTP- und Web-Servern verbieten. Der Zugang zu bestimmten Web-Seiten wird aus sittlich-moralischen Gründen gesperrt, was sicher gut gemeint und notwendig ist. Doch wo liegt die Grenze und wer bestimmt, was ich aufrufen darf und was nicht? Die Freiheit des Internets steht nicht nur deshalb auf tönernen Füßen. Im Auftrag der Militärs gibt es schon längst Trockenübungen in nachgebauten Netzwerken mit einigen Tausend IP-Adressen, um Viren- und Trojaner-Angriffe auf Rechnern zu üben und abzuwehren. Irgendwann kommt vielleicht ein großflächiger Crash des Internets, entweder durch bösartige Angriffe oder ganz banal durch einen Stromausfall. Ein zweites Internet hätte man nicht nur zur Sicherheit gerne. Es bietet auch ein weites Experimentierfeld für alle, die an Netzwerktechnik interessiert sind. Die Technologie käme auch der Entwicklungshilfe zu Gute, um kostengünstige Internetzugänge in der Dritten Welt aufzubauen.
 
Wie soll ein Amateurfunk-Internet in der Praxis funktionieren? Die Freifunker-Szene hat es bereits seit einigen Jahren weitgehend unbeachtet von der Amateurfunkwelt vorgemacht. Handelsübliche WLAN-Router, die es gebraucht für ein paar Euro zu ersteigern gibt, erhalten eine neue Firmware, die es kostenlos im Internet gibt. Durch diese neue Firmware können die WLAN-Router untereinander kommunizieren und Datenpakete austauschen und wie bei einem Staffellauf weitergeben. Es entsteht ein Mesh-Netz, welches sich selbst organisiert. Fällt ein Router aus oder kommt ein neuer Router hinzu, konfiguriert sich das Netz automatisch neu. Die Reichweite der Router kann durch einfachen Selbstbau von WLAN-Antennen noch erheblich gesteigert werden, falls dies nach den jeweiligen Bestimmungen legal ist. Einige WLAN-Kanäle liegen zudem noch auf Amateurfunkfrequenzen. Funkamateure könnten also schon jetzt aus dem Stand heraus damit anfangen erste Erfahrungen zu sammeln. Nachtrag: Und inzwischen haben Sie es ja mit Hamnet umgesetzt

 

Quad-Antenne
Jeder kann aus Draht, Heißkleber und Blech WLAN-Antennen zur Reichweitenerhöhung zusammenbauen. Im Internet gibt es Anleitungen in Hülle und Fülle.
 
Welche Möglichkeiten bieten sich für die Zukunft? Amateurfunk bietet auch noch weitere faszinierende Möglichkeiten, wenn man die vorhandende Amateurfunktechnik mit der Freifunk-Technik kombiniert. Fällt zum Beispiel eine Linkstrecke aus, kann diese durch eine Kurzwellenverbindung oder mit Hilfe eines Amateurfunk-Satelliten überbrückt werden, wobei bei Kurzwelle die Datenrate nur für textbasierte E-Mails reicht. Antennengeschädigte Funkamateure könnten eine Klubstation per Fernbedienung bedienen und breitbandige Zugänge ermöglichen OV-Runden in Bild und Ton, um spontan nur einige Möglichkeiten zu nennen. Selbstverständlich wäre für den Notfunk auch eine sporadische Anbindung an das "richtige" Internet möglich. Im Gegensatz zum Freifunk wäre das Amateurfunk-Internet allerdings nur lizensierten Funkamateuren zugänglich, damit die vielfältigen technischen Möglichkeiten des Amateurfunkdienstes ausgeschöpft werden können. Viele junge Leute würden sich wieder für Amateurfunk interessieren und dabei auch die traditionellen Amateurfunktechnik zu schätzen lernen. Ich selbst bin durch das Interesse an Packet-Radio Funkamateur geworden und habe dann meine Liebe zu QRP und CW entdeckt.
 

Ein Linksys WRT54G oder ähnliche Modelle sind für Mesh-Netze beliebt, da sie mit einer speziellen Firmware versehen werden können (Bildquelle: Wikipedia).
 
Muss ich IT-Spezialist sein, um bei einem Amateurfunk-Internet loslegen zu können? Nein. Jeder Funkamateur kann sich die Kenntnisse aneignen, um Zugang zum Amateurfunk-Internet Hamnet zu erhalten. Für das Zusammenlöten von WLAN-Antennen und Aufspielen einer neuen Router-Firmware bedarf es vieler Hände und je mehr Funkamateure mitmachen, desto dichter und damit auch stabiler wird das neue Netz. Die Forschung in der drahtlosen Netzwerktechnik wird für diese Plattform sicher dankbar sein. Keimzellen der Entwicklung werden mit Sicherheit Amateurfunkgruppen an Hoch- und Fachhochschulen sein. Hier steht im Prinzip alles zum Stichwort Hamnet:

http://www.broadband-hamnet.org/

Zum Einlesen: http://wndw.net/book.html

Fazit: Die Beschäftigung mit einem zweiten Internet wird mit Sicherheit nicht die Heilsbotschaft für den Amateurfunk sein. Viel wahrscheinlicher wird es - wenn überhaupt - mit dem Amateurfunk-Internet bei vereinzelten Insellösungen bleiben, wobei der Experimentiercharakter typisch für den Amateurfunk ist. Ich finde es nur bedauerlich, dass der Amateurfunk nur zu oft neue Technologien als Bedrohung und nicht als Chance wahrnimmt. Meshing kann vielleicht dem Amateurfunk zu neuen Impulsen verhelfen. Mesh-Netze auf Kurzwelle hätten sicher aus ihren Reiz.

 

Weiterführende Links:


Meshing:
- http://wiki.freifunk.net/Meshing

Kurze Geschichte des Datenfunks:

- http://wiki.freifunk.net/Kurze_Geschichte_des_Datenfunks
 

Freifunk.net, WLAN-Router-Umbau:

- http://start.freifunk.net/

FH Nürnberg, Vorüberlegungen zu WLAN im Amateurfunk:
- http://db0fhn.efi.fh-nuernberg.de/doku.php?id=projects:wlan:proposal/

Bauanleitungen für WLAN-Antennen:
- http://www.vallstedt-networks.de/?Fotogalerien/Quad
- http://www.tresselt.de/download/Wlanprojekt.pdf

Wikipedia, Ad-hoc-Netz:
- http://de.wikipedia.org/wiki/Ad-hoc-Netz
 

Focus-Artikel "Kurzwelle statt Internet":
Literatur:
 

Mesh, Drahtlose Ad-hoc-Netze v. Corinna "Elektra" Aichele:
- https://www.opensourcepress.de/index.php?26&backPID=178&tt_products=158

 

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 16. März 2015 um 11:55 Uhr
 
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