Reparaturbericht Röhrenradio Siemens 11 GW (Telefunken 2B54GWK) Drucken E-Mail
Mittwoch, den 16. Januar 2013 um 14:03 Uhr

Reparaturbericht eines Röhrenradios Siemens 11 GW (Telefunken 2B54GWK, Tesla 254)

Nachfolgend mein ausführlicher Reparaturbericht eines Röhrenradios mit seinen typischen Fehlern am Beispiel des Superhets Siemens 11GW aus den 40er Jahren. Dieser Beitrag hat sich quasi zu einem Musterbeispiel für eine typische Instandsetzung und Restaurierung eines Röhrenradios entwickelt.

Über das Internet kaufte ich mir einen "Kleinsuper" Siemens 11 GW, welcher in den 40er Jahren in relativ großen Stückzahlen gefertigt wurde. Er wurde auch von Telefunken als 2B54GWK und mit einem anderen Röhrensatz von Tesla als 254 produziert und vertrieben. Dieses Radio kommt für die damalige Zeit als Winzling daher und ist in etwa so groß wie zwei Schuhschachteln. Damit dies gelang, wurde unter anderem auf einen Netztransformator verzichtet. Je nach Polung des Netzsteckers kann deshalb die volle Netzspannung auf dem Chassis liegen. Es besteht keine galvanische Trennung zum Stromnetz!

Der Begriff "Kleinsuper": Eigentlich ist dieses Radio kein Kleinsuper, obwohl die Gehäuseabmessungen klein sind. Unter Kleinsuper verstand man zur Produktionszeit des Radios einen Superhet ohne ZF-Verstärkerstufe. Auf die Mischstufe und deren Bandfilter erfolgte ein ZF-Audion oder eine AM-Demodulation mittels Anodengleichrichtung. Der Siemens 11 GW ist aber ein "richtiger" Superhet mit ZF-Verstärker.

Beschreibung des Siemens 11 GW: http://www.radiomuseum.org/r/siemens_11gw.html
Diskussion im Wumpus-Gollum-Forum: http://www.wumpus-gollum-forum.de ... gwk-2_647.html
Röhrenbestückung: UCH11, UBF11, UCL11, UY11 (Damals als "harmonische Serie" beworben)


Siemens 11GW gereinigt, poliert und repariert. Der weiße Streifen wurde mit einem Lackmarker nachgezeichnet (Großansicht hier).


Das Radio vor der Restaurierung.

Folgende Defekte und Mängel hatte das Radio:
Netzkabel defekt, welches einst mit einer Lüsterklemme provisorisch geflickt wurde.
Netzschalter ohne Funktion.
Verdrecktes Bakelit-Gehäuse.
Skalenglas verdreckt.
Der Lack des weißen Streifens auf der Vorderseite ist teilweise abgeblättert.
Extremer Brumm.
Kontaktschwierigkeiten überall.
Skalenlampe defekt.
Kontakte der Röhrenfassungen oxidiert.
Auf Mittelwelle im oberen Bandsegment weniger empfindlich.
Ein Drahtwiderstand augenscheinlich defekt.

Solche Fehler sind typisch für alte Radios und können der Reihe nach beseitigt werden.


Der erste Test des restaurierten Radios. Die Modifikation der Brummkompensation steht noch aus. Die Antenne ist ein 30 m langer Draht.

Ziele der Restaurierung und Reparatur: Jeder Restaurator hat individuelle Zielsetzungen. Die unterschiedlichen Ansichten sind dabei selbstverständlich zu respektieren. Die elektrische Sicherheit steht im Vordergrund. Mir geht es darum, das Hörgefühl vergangener Zeiten wiederzubeleben. Bauteile, die defekt sind, ersetze ich durch moderne. Die alten Bauteile werden einseitig abgelötet und im Gerät belassen, um nachfolgenden Generationen eine Chance einer anderen Restaurierung zu geben oder die defekten Originalbauteile mit Methoden zu untersuchen, die in unserer Zeit noch nicht zur Verfügung stehen. Die optische Zustand soll nicht überrestauriert wie frisch aus dem Laden aussehen, jedoch ein gepflegtes Erscheinungsbild mit Gebrauchsspuren hinterlassen. Neu waren die Geräte ja nur an einem einzigen Tag, als sie das erste Mal über die Ladentheke gereicht wurden.

Eingesetzte Messgeräte und Hilfsmittel: Digitales Multimeter mit einem Spannungsbereich bis 1000 Volt DC und mit einem Kapazitätsmesser bis 200 uF, digitales L/C-Meter, analoges Vielfachmessgerät für die Strommessung, eine 40 Watt Glühbirne für 230 Volt, welche in einem Netzkabel eingeschleift ist, Phasenprüfer, regelbares Netzgerät bis 230 Volt mit Strombegrenzung für die Messung der Leckströme der Kondensatoren (andere Lösungen denkbar), Trenntrafo empfehlenswert. 7 m Draht als Antenne (oder Prüfsender), Erdverbindung (Heizungsrohr), Tunerspray und diverse Elektronikkontaktsprays mit und ohne Schmierölzusatz, eine weiche Unterlage, damit das Bakelitgehäuse nicht beim Ein- und Ausbau des Chassis zerkratzt und verschrammt wird, Bleistift, Schreibpapier, Taschenrechner, Digitalkamera, Ausdrucke des Schaltbildes und der Röhrendatenblätter, mindestens 10 Prüfschnüre mit Krokodilklemmen, Lupe, kleine Taschenlampe, Schaltdraht, Schrumpfschlauch.

Eingesetzte Werkzeuge: Schraubendrehersatz, diverse Zangen,  verschiedene Seitenschneider, Pinzette, Abisolierzangen, Uhrmacherschraubenziehersatz, kleine Rundfeile, Lötstation 50 Watt, verbleites Lötzinn, Glasfaserpinsel, Entlötlitze, Entlötpumpe.

Eingesetzte Reinigungsmittel, Lack: Haushaltpapierrolle, Toilettenpapier, Glasreiniger, Autolackreiniger (Rubbing), Automatikgetriebeöl, Wattestäbchen, kleiner Pinsel, Lackstift (Edding 751, weiß, 1 bis 2 mm Spitze).

Röhrenprüfung: Einen Röhrenprüfer zu besitzen, ist eine feine Sache. Leider ist mein Röhrenprüfer immer noch eine Baustelle. Da das Radio aber nach der Reparatur grundsätzlich funktioniert und ausreichend empfindlich ist, ist davon auszugehen, dass die Röhren ebenfalls funktionieren. Den Verschleiß der Röhren kann man durch den Vergleich der Gitterspannungen mit den dazugehörigen Anodentrömen ermitteln. Ebenso ist die Gleichrichterröhre noch in Ordnung, wenn die Ausgangsspannung des Netzteils nicht zu niedrig ist. Es lohnt sich bei so einem alten Radio bei der NF-Endröhre den Spannungsabfall an seinem Kathodenwiderstand und den Anodenruhestrom zu überprüfen.

Ein anderer Fall wäre es, wenn man Radios gegen Entgelt repariert und dem zahlenden Kunden der Austausch einer Röhre gegen eine neue gerechtfertigt werden muss. Dann sind die Röhrendaten wichtig. Röhren waren zur damaligen Zeit teuer und stellten eine Investition dar. In den deutschen Radiowerkstätten der 1940er Jahre waren neben einem Prüfsender ein Röhrenprüfer Pflicht.

Ordnung: Viele Kleinteile müssen ausgebaut werden. Damit diese nicht verlorengehen oder gesucht werden, schafft eine einfache Keksverpackung Abhilfe, wie sie im nachstehenden Bild zu sehen ist. Zudem erinnert man sich so viel besser daran, wo was hingehört.


Eine einfache Blister-Verpackung für Kekse schafft Ordnung, spart Zeit und vermeidet die verzweifelte Suche nach Kleinteilen.

Vorsichtmaßnahmen bei Allstromgeräten: Es handelt sich um ein Allstromgerät. Es hat kein Netztrafo. Je nach Lage des Netzsteckers kann die volle Netzspannung ohne galvanische Trennung auf dem Chassis liegen. Lebensgefahr! Arbeiten Sie deshalb mit einem Trenntrafo.  Fassen Sie niemals das Chassis an, besonders wenn Sie Messungen vornehmen. Ein Hand bleibt zur Sicherheit immer unterhalb des Arbeitstisches. Gehen Sie mit Ruhe und Überlegung vor.

Schaltbilder: Es existieren verschiedene Schaltbilder mit kleinen Abweichungen. Zum Teil sind die Schaltbilder fehlerhaft. Mein Netzteil hatte einen anderen Aufbau. Im Schaltbild wurde eine Masseverbindung im Antennenkreis vergessen. Ein Elko war nicht eingezeichnet. Dies hat die Reparatur zu einer Detektivarbeit gestalten lassen.


Eines der möglichen Schaltungsvarianten des Siemens 11GW oder Telefunken TFK 2B54GWK (Großes Bild hier). Die Verbindung zum Chassis im Eingangskreis wurde offenbar vergessen einzutragen. In einer anderen Schaltungsvariante ist diese Verbindung zum Chassis vorhanden. Der Elko parallel zum 125-Ohm-Widerstand im Netzteil wurde ebenfalls vergessen einzuzeichnen. Das Netzteil ist anders geschaltet als bei meinem Radio. Im Schaltbild fehlt auch ein 100-nF-Kondensator, welcher direkt am Schirmgittter der UCL11 gegen Masse geschaltet ist.

Ausbau des Chassis in Stichworten: Rückwand entfernen. Die beiden Drehknöpfe abschrauben. Dazu die Madenschrauben mit einem Uhrmacherschraubenzieher lockern. Einige Stunden vorher immer mit Kriechöl schmieren, da sonst die Schlitze der Madenschrauben abbrechen können. Keine rohe Gewalt anwenden. Dann den Hebel des Wellenschalters auf der rechten Seite abschrauben. Hinten rechts die Masseverbindung ablöten. Nun sitzt das Chassis nur noch hinten links und rechts mit zwei Schrauben am Bakelitgehäuse. Bevor Sie diese Schrauben lösen, um das Chassis nach hinten herausziehen zu können, müssen Sie noch sechs Kabel ablöten, welche zur Lautsprecherfront führen. Machen Sie sich eine genaue Skizze der Kabelführung und zusätzlich Fotos, damit Sie den Zusammenbau zweifelsfrei wieder rekonstruieren können.


Aufbau zu Test- und Reparaturzwecken. Das Chassis muss mit 6 Kabeln mit der Lautsprechereinheit verbunden werden.


Gereinigtes Chassis von hinten. Röhren von links nach rechts: UCH11, UBF11, UCL11, hinter der UCL11 die UY11. Der unterste Drahtwiderstand der Säule war defekt und wurde von einem Unbekannten geflickt. Danach war sein Widerstand von 125 auf 85 Ohm gesunken, was den Arbeitspunkt der Endröhre nachteilig veränderte.


Seitenansicht. Links die Endröhre, rechts die Gleichrichterröhre.


Das gereinigte Chassis von vorne.


Chassis von unten. Die Bauteile sind dicht gepackt. Einige Elkos sind bereits zusätzlich eingebaut (Großansicht hier). Der große braune Elko beinhaltet den Glättungskondensator, welcher mit 60 mA Leckstrom defekt war. Zusätzlich zu diesem ist in seiner braunen Pappröhre ein Elko untergebracht, welcher parallel zum 125-Ohm-Widertand angebracht ist. Dieser Elko war auch defekt und hatte keine nennenswerte Kapazität mehr. Der große gelbe Kondensator, ist der Siebelko, welcher wahrscheinlich in den 70er Jahren eingebaut wurde.


Rechte Seite mit Wellenschalter und Drehkondensator.

Das Einschalten des Radios: Ein unbekanntes Radio einfach an die Steckdose anzuschließen, birgt ein großes Risiko und kann Folgeschäden verursachen. Deshalb habe ich vor dem ersten Einschalten das Chassis ausgebaut und einer Sichtkontrolle unterworfen und dahingehend untersucht, ob Teile entfernt wurden oder Kurzschlüsse bestehen können.

Elkos des Netzteils überprüfen: Als erstes wurden vor dem Einschalten die großen Siebelkos und Glättungselkos des Netzteils überprüft. Der größte direkt hinter der Gleichrichterröhre hatte zwar noch 20 uF (laut Aufdruck 40 uF), allerdings zeigte er an einem Netzteil mit Strombegrenzung bei 230 Volt einen Leckstrom von über 60 mA. Bei einem so hohen Strom hielt ich ein Formieren für aussichtslos und ersetzte in durch vier moderne Elkos zu je 10 uF / 400 V, die ich auf Lager hatte. Der Leckstrom von über 60 mA hätte dazu beigetragen, dass die Gleichrichterröhre auf Dauer überlastet wird. Durch die Wärmeentwicklung hätte der Elko auch explodieren können. Der zweite Siebelko scheint nachträglich eingebaut worden zu sein und dem Aussehen nach aus dem 70er Jahren zu stammen. Er hatte noch die volle Kapazität von 2 x 16 uF und wurde wieder an das externe Netzteil zur Prüfung angeschlossen. Er zeigte nach wenigen Minuten nur noch einen Leckstrom von 1 mA und war somit in Ordung. Im Netzteil befindet sich übrigens eine Drossel eingezeichnet. Sie ist die Feldwicklung des Lautsprechers und trägt leider nicht zur Siebung bei.


Neue Bauteile finden noch Platz zwischen den alten. In der großen, braunen Pappröhre befinden sich die defekten Elkos.

Der Netzschalter: Dieser ist mit dem Lautstärkepotenziometer kombiniert. Eine Überprüfung mit dem Ohmmeter ergab, dass der zweipolige Netzschalter keinen Kontakt zeigte. Die Lötösen waren mit Nieten befestigt, welche kleine Öffnungen in das Gehäuse bieten. Durch diese Löcher habe ich Elektronikreiniger und Kontaktspray reingesprüht und so lange den Schalter bewegt, bis ein Kontakt wieder gegeben war. Dies habe ich natürlich nicht an der Netzspannung vorgenommen, sondern mit einem Ohmmeter überprüft. Den Netzschalter habe ich erst nach einigen Tagen an 230 Volt betätigt, nach dem die brennbare Reinigungsflüssigkeit verdunstet war, denn eine Funken könnte eine kleine Explosion auslösen und den Schalter zerstören.

Vor dem ersten Einschalten: Zuvor ist mir aufgefallen, dass ein Drahtwidertand geflickt worden ist. Er hatte nicht die vorgeschriebenen 125 Ohm, sondern nur 85 Ohm. Laut dem Schaltbild wird er für die Erzeugung der negativen Vorspannung verwendet. Er beeinflusst also nicht jenen Strom, welcher durch die in Reihe geschalteten Heizfäden fließt. Dann habe ich noch die Skalenlampe ersetzt. Eingebaut war eine für 10 Volt / 200 mA, welche durchgebrannt war. Im Schaltbild wird 5 Volt / 200 mA angegeben. Zur Hand hatte ich aber nur eine Birne für 6,3 Volt / 300 mA. Laut Schaltbild des Netzteils fließt durch die Skalenlampe hauptsächlich der Strom, welcher durch die Netzgleichrichterdiode fließt und beeinflusst kaum den Strom der Heizfäden. Somit sah ich kein Risiko die vorhandene Skalenlampe einzubauen. Natürlich sollte vor dem Einschalten auch die Netzsicherung (richtiger Wert?) und ihre Fassung überprüft werden.

Koppelkondensatoren wechseln: Außerdem wurden vor dem ersten Einschalten die Koppelkondensatoren an den Steuergittern der UCL11 ersetzt, denn diese haben in alten Röhrenradios fast immer so hohe Leckströme, dass sie den Arbeitspunkt verstellen, so dass die Röhren durch zu hohe Anodenströme beschädigt werden können. Außerdem wurden die Kondensatoren zur Erde und zur Antenne gewechselt. Hier sollten VDE-geprüfte Typen zum Einsatz kommen, denn Sie dürfen keinesfalls durschschlagen.

Kontakte reinigen: Vor dem ersten Einschalten wurden die Kontakte des Wellenschalters, des Spannungswahlschalters und die Kontakte der Röhrenfassungen mit Tunerspray und Elektronikreinigungsspray gereinigt. Kontaktschwierigkeiten an verschiedenen Stellen gleichzeitig können in ihrer Summe ein vollkommen unklares und rätselhaftes Fehlerbild erzeugen.

Das erste Einschalten: Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass der Spannungswahlschalter auf 220 V steht, habe ich mit einem Ohmmeter den Widerstand zwischen den beiden Stiften des Netzsteckers gemesen. Er hatte etwa 1 kOhm, was mir plausibel erschien. Dann habe ich eine Glühlampe 220 Volt / 40 bis 60  Watt in Serie zum Netzanschluss geschaltet. An der Glühlampe fielen nach der Aufwärmphase, welche bei Allstromgeräten einige Minuten dauern kann, etwa 100 Volt ab, was für eine normale Stromaufnahme spricht. Trotz der viel zu niedrigen Versorgungsspannung konnten einige Sender empfangen werden. Damit das Radio mit ausgebautem Chassis funktioniert, wurde auch die Platte mit dem Lautsprecher und dem NF-Übertrager ausgebaut. Alle Verbindungen zu dieser Platte wurden mit Krokodilkabeln realisiert, wobei darauf zu achten ist, dass keine Kurzschlüsse auftreten, da sonst das Lichtnetz kurzgeschlossen werden kann.

Heizstrom und Anodenspannung überprüfen: Leider brummte das Radio sehr stark. Nun wagte ich den Betrieb ohne vorgeschalteter Glühbirne. Zuerst wurde der Spannungsabfall am Glühfanden der UY11 überprüft. Bei seiner Röhrenfassung erreicht man die Kontakte bequem von oben. Die Messung zwischen den Pins 5 und 6 ergab genau 49 Volt. Laut Datenblatt wird der Glühfaden der UY11 mit 50 Volt betrieben. Der Heizstrom ist also in Ordnung. Die Spannung an der Kathode der UY hatte etwa 200 Volt, was auch im Rahmen des Normalen liegt.

Beseitigung des starken Brumms: Allstromgeräte brummen immer etwas, wenn man den Lautstärkeregler auf Linksanschlag stellt, aber dieser Brumm war absolut nicht normal und viel zu laut. Nun fiel mir wieder der 125-Ohm-Drahtwiderstand im Netzteil auf, der tatsächlich 85 Ohm hatte. Der Spannungsabfall von etwa 8 bis 9 Volt an ihm liefert die negative Vorspannung für das Steuergitter der NF-Endröhre. Nach meiner Überlegung sollte ein Elko von mindestens 1000 uF parallel zu diesem Widerstand den Brumm stark mindern. Provisorisch schloss ich einen Elko von 2200 uF / 16 Volt an siehe da, der Brumm war fast beseitigt. Bei Zimmerlautstärke fällt der Brumm jetzt nicht mehr auf. Hört man allerdings leise Radio, störte mich der Brumm immer noch. Vielleicht war dies normal und die Hörer waren in den 40er Jahren nicht so verwöhnt, wie sie dies in der heutigen Zeit sind.


Der 125-Ohm-Widerstand am rechten Rand des Schaltbildes sorgt für die negative Steuergittervorspannung. Ihm ist ein Siebelko parallel geschaltet, der im Schaltbild nicht eingezeichnet ist.

Als ich dann für diesen Elkos einen Platz in dem dicht gedrängten Chassis suchte, ist mir von dem großen, braunen  Gehäuse des Siebelkos noch ein zweiter Anschluss aufgefallen, welcher versteckt im Drahtgewirr nur schwer zu erkennen war. Eine kleine LED-Taschenlampe ist in solchen Fällen eine große Hilfe. Dieser Draht gehört zu einem Elko, welcher parallel zum besagten Widerstand liegt. Allerdings war er im Schaltbild nicht eingezeichnet. Eine Überprüfung ergab, dass er nur noch eine Kapazität von wenigen nF besaß. Dafür hatte er keinen Leckstrom. Der Anschluss war also wirkungslos. Dieser Kondensator wurde also in den beiden Schaltbildern, die mir vorliegen, vergessen einzutragen.

Ersatz des geflickten Drahtwiderstands: Der besagte Drahtwiderstand brannte irgendwann mal durch und wurde dann notdürftig geflickt. Dadurch fielen nur 6,6 Volt ab. Dies führte dazu, dass der Anodenstrom des Tetrodensystems fast 60 mA betrug. Vorgeschrieben sind aber laut Schaltbild 38 mA. Das Röhrendatenblatt empfiehlt 45 mA. Deshalb ersetzte ich den Drahtwiderstand durch zwei parallel geschaltete Widerstände von je 270 Ohm, welche dann insgesamt 135 Ohm besitzen. Dies ergab dann einen höhere negative Steuergittervorspannung von 8,6 Volt und nicht mehr 6,6 Volt. Das Datenblatt schlägt 8,5 Volt vor. Der Anodenstrom ist nun auf 42 mA gesunken. Das Datenblatt schlägt hier 45 mA vor. Damit liegt also der Anodenstrom auf der sicheren Seite. Zudem sagen mir die Werte, dass die Endröhre kaum verbraucht ist. Die Messungen an den Röhren machen nur Sinn, wenn die Koppelkondensatoren keine Leckströme besitzen. Deshalb hatte ich den Koppelkondensator ja gleich zu Beginn ersetzt.

Wackelkontakte an der Röhrenfassung der Endröhre: Versuchte man die UCL11 etwas in iher Fassung zu bewegen, war ein deutliches Krachen zu vernehmen, der zum Teil von einem Heulton begleitet wurde. Deshalb wurden alle Anschlüsse der Fassung nachgelötet. Die Kontakte wurden mit Kontaktspray, einer kleinen Rundfeile und Wattstäbchen von ihrer schwarzen Oxidschicht befreit. Danach trat kein Krachen mehr auf.

Weitere Reduzierung des Brumms durch Verbesserung der Brummkompensation: Der Brumm war mir nach meinem Geschmack immer noch zu laut, obwohl er etwa so laut war, wie ich ihn von meinen beiden Philettas gewohnt war. Die Schaltungen des Siemens 11 GW und seinem Pendant von Telefunken besitzen eine Brummkompensation. Vom Lautsprecher wird über ein RC-Tiefpass die NF-Spannung gegenphasig einem 50 Ohm hohen Widerstand zugeführt. Dieser Widerstand sitzt zwischen der Masse und dem unteren Anschluss der Widerstandsbahn des Potenziomters für die Lautstärke. Dieser Widerstand ist im Chassis auf der Vorderseite angebracht. Dort befindet sich eine Leiste mit Lötstützpunkten. Etwa auf der Mitte dieser Leiste befindet sich der Widerstand zusammen mit den Bauteilen des Tiefpasses. Versuchsweise klemmte ich diese Gegenkopplung von Lautsprecher ab. Dies zeigte keine Wirkung. Eigentlich müsste der Brumm ansteigen. Die Brummkompensation war also wirkungslos. Dann entfernte ich den 50-Ohm-Widerstand und nun war der Brumm sehr deutlich reduziert und fast nicht mehr hörbar.


Skizze der verbesserten Brummkompensation. Vom Lautsprecher wird über ein Tiefpass die NF dem Poti zugeführt. In der Praxis reicht es den 50-Ohm-Widerstand am Poti einseitig abzulöten.

Offenbar liegt ein Schaltungsfehler vor. Vielleicht machte dieser Widerstand bei einer mir unbekannten Schaltungsversion Sinn. Der Brumm lässt sich weiter reduzieren, wenn der 1-kOhm-Widerstand, welcher zu diesem 50-Ohm-Widerstand führt, kurzgeschlossen wird. Nun habe ich noch einen 1,5-nF-Kondensator zwischen dem Schleifer und dem oberen Anschluss des Lautstärkepotenziometers angeschlossen. Nach meinem Geschmack war dann die Klangfärbung besser. Sollte die Schaltung anfangen zu pumpen und sich wie ein Motorboot anhören, dann ist der Koppelkondensator am Schleifer des Poti zu verkleinern. Schließlich habe ich noch den kleinen 50-pF-Koppelkondensator zwischen dem letzen ZF-Kreis und dem AM-Demodulator gewechselt. Im Prinzip reicht es aber nur den 50-Ohm-Widerstand abzuklemmen. Der Brumm ist nun so gering, dass er selbst dann fast nicht mehr auffällt, wenn das Radio sehr leise eingestellt ist. Übrigens ist es normal, dass starke Stationen auch dann noch zu hören sind, wenn der der Lautstärkeeinsteller ganz zugedreht ist.

Weitere Brummkompensation: Eine gut isolierte Spule aus wenigen Windungen, durch welche der Netzstrom des Radios fließt, wird in die Nähe des Steuergitteranschlusses der NF-Vor- oder NF-Endröhre placiert und mit einem isolierten Stab so verdreht, bis der Brumm auf ein Minimum sinkt. Diese Maßnahme habe ich allerdings nicht ergriffen. Sie soll aber den Brumm um 10 bis 20 dB senken können.

Netzkabel: Schließlich habe ich noch das Netzkabel der elektrischen Sicherheit wegen durch ein neuzeitliches ersetzt. An der Zugentlastung habe ich die Isolation mit Schrumpfschlauch verstärkt, welcher gleichzeitig einen Knickschutz darstellt. Ein Netzkabel kann mit einem "aufgedröselten" Schnürsenkel überzogen werden, um es auf alt zu trimmen.

Drehkondensator: Er wurde mit einem Pinsel vorsichtig vom Staub befreit. Einige Außenflächen wurden mit Wattestäbchen und Glasreiniger peputzt. Die Lager wurden mit Elektronikreinigungsspray von eventuellen Verharzungen befreit und dann mit ganz wenig Sprühöl behandelt. Leichtgängige Drehkondensatoren schonen die Skalenseile, welche keinesfalls mit Fetten oder Ölen in Berührung kommen dürfen. Wie festgefressene Drehkondensatoren wieder zu fast 100% wieder gängig gemacht werden können, ist unter "Typische Defekte der Bauteile alter Röhrenradios" beschrieben.

Reinigung und Polieren des Bakelitgehäuses: Es besteht aus Bakelit und war sehr stark verschmutzt. Im ersten Schritt wurde es mit Glasreiniger und Toilettenpapier gereinigt. Danach kam für das Polieren der Oberfläche Autolackreiniger zum Einsatz, das wieder mit Toilettenpapier oder Haushaltspapiertüchern verrieben wird. Der braune Dreck, der dann am Papier zum Vorschein kommt, ist kein Dreck, sondern Abrieb. Es reicht eine vorsichtige Politur. Matte Stellen werden durch weiteres Polieren manchmal nicht mehr glänzend, weil nur die oberste Schicht des Bakelits hochglänzend ist. Die Oberseite meines Gehäuses war etwas matt, weil sie wahrscheinlich am stärksten dem Sonnenlicht ausgesetzt war. Es hilft ein mehrmaliges Einreiben mit Möbelpolitur oder in meinem Fall mit Automatikgetriebeöl, um den Glanz zu verbessern. Selbst einwandfreie Bakelitflächen werden noch eine Idee glänzender.


Verdreckte Frontseite.


Vor der Reinigung.


Nach der Reinigung und Politur. Die weißen Punkte sind Fussel. Der Lack des weißen Randstreifens ist teilweise abgeblättert.

 


Vorreinigung mit Glasreiniger.


Polieren mit Autolackreiniger.


Nachpolieren mit Möbelpolitur oder Automatikgetriebeöl.


Das Öl ist nun abgerieben worden.

Reparatur des weißen Randstreifens auf der Frontseite: Die weiße Farbe dieses Zierstreifens sitzt in einer Nut. Mit einem weiße Lackmarker Edding 751 und einer 1 bis 2 mm breiten Spitze lässt er sich wieder erneuern. Diese Lackmarker gibt es auch in goldener Farbe, womit sich viele Verzierungen der Radios der 50er Jahre reparieren lassen.


Die Spitze des Lackmarkers (paint marker) mit 1 bis 2 mm Spitzenbreite war zu breit für die Nut und wurde deshalb mit einer Zange zusammengedrückt.

Die Spitze für 1 bis 2 mm Breite des Lackmarkers (paint marker) war immer noch zu breit für die Nut. Deshalb habe ich sie mit einer Zange zusammengedrückt. Vor dem Lackieren den Stift schütteln. Auf einem Blech (Konservendose) vor dem Zeichnen der Nut üben. Damit der Lack in die Spitze fließt, muss mehrfach die Spitze gedrückt werden. Dies macht man auch auf einem Blech. Am Anfang nur mit leichtem Druck den Lackststift drücken, während man die Nut zieht. Dabei liegt das Radio rücklings auf zwei Büchern, damit das Netzkabel nicht abknickt. Die beiden Drehknöpfe habe ich demontiert, damit der Lackstift unbehindert senkrecht geführt werden kann. Nah 10 Minuten kann eine zweite Schicht aufgetragen werden.

Drehknöpfe reinigen: Nach dem Abschrauben erfolgte die Reinigung in einem lauwarmen Bad aus Zahnprothesenreiniger mit der Zahnbürste, um den Dreck aus den Rillen zu bekommen. Einige Stunden Einweichen erleichtert die Arbeit. Die Vorderseite kann mit Lackreiniger poliert werden. Flüssigwaschmittel für die Waschmaschine oder Reinigungstabs für die Geschirrspülmaschine gehen übrigens auch sehr gut.

Skalenglas reinigen: Das Skalenglas habe ich dazu ausgebaut, dann auf ein sauberes Tuch gelegt und mit Glasreiniger die Vorderseite gesäubert. Dies geht mit Wattestäbchen und Toilettenpapier sehr gut. Die bedruckte Rückseite darf keinesfalls gereinigt werden. Geringste Spuren von Glasreiniger können die Bedruckung verwischen. Beim Einbau die Schrauben mit den Klammern nur leicht auf den Filzstücken anziehen, damit das Skalenglas nicht zerspringt.


Reinigen der Skalenscheibe mit Glasreiniger von außen. Niemals die bedruckte Innenseite reinigen.

Skalenglas rekonstruieren: Zur Sicherheit habe ich vor der Reinigung das Skalenglas hochauflösend gescannt. Mit diesem Scan kann das Skalenglas jederzeit rekonstruiert werden. Der Scan wird auf Klarsichtfolie ausgedruckt und auf einem Glas oder Plexiglas passender Größe an den Ecken mit Kleber fixiert (Scan des Skalenglases zum Herunterladen). Um den Scan auf die passende Größe drucken zu können, ist eine cm-Skala mitgescannt worden.


Verkleinerter Scan der Skalenscheibe für die Rekonstruktion auf Klarsichtfolie (hochauflösender Scan hier). Es handelt sich hier wahrscheinlich um die Version für den schwedischen Markt.

Chassis reinigen: Dies erfolgt mit Glasreiniger, Wattestäbchen, Zahnbürste und Toilettenpapier. Aufpassen, dass dünne Spulendrähte nicht beschädigt werden.

Röhren reinigen: Die Röhren wurden ebenfalls mit Glasreiniger, Wattestäbchen und Toilettenpapier gereinigt. Die Bedruckung darf wieder nicht mit dem Glasreiniger in Kontakt geraten. Natürlich werden die Röhren nur im kalten Zustand gereinigt, da sonst der kalte Glasreiniger die heißen Glaskolben zum Zerspringen bringen.

Ziehen der Röhren: Die Röhren aus Glas dürfen nur an ihren Sockeln aus den Fassungen gezogen werden. Falls dies sehr schwer geht, kann eine Schraubenzieherklinge zwischen Sockel und Fassung vorsichtig geschoben werden. Keinesfalls am Glaskolben ziehen, weil sich dann der Glaskolben vom Sockel löst. Dieser kann wieder mit Sekundenkleber geklebt werden, wenn er wackelt. Die Röhren sollten mit Sorgfalt behandelt werden, da sie inzwischen recht teuer geworden sind.

Lautsprecherbespannung: Wenn diese noch einigermaßen gut aussieht, sollte sie nicht ausgetauscht werden. Von einer Reinigung ist abzuraten, da der alte Stoff dann droht auseinanderzufallen oder sich vollständig verziehen kann.


Siemens-Emblem auf dem Stoff der Lautsprecherbespannung.


Gereinigtes Bakelitgehäuse von innen.


Chassis ausgebaut.


Chassis eingebaut, von hinten, vor der Reinigung. Das Chassis war relativ sauber. Es wurde also irgendwann mal gereinigt.


Rückwand. Es handelt sich um die Variante S 11 GW auschließlich für den schwedischen Markt. Im Internet gibt es Fotos von Rückwänden, die mehrsprachig gehalten sind.

Abgleich: Auf einen Abgleich habe ich verzichtet, da die Trennschärfe sehr gut ist. Zudem werden Sechskantsteckschlüssel als Abgleichwerkzeuge benötigt, welches ich nicht besitze. Ich versuchte zur Probe den leicht erreichbaren Abgleichkern der ZF-Falle zu verdrehen. Er saß so fest, dass ein Abgleich die Kerne zerbrechen könnte. Einen Abgleich sollte man in diesem Fall nur vornehmen, wenn er unbedingt notwendig ist. Mir ist nur aufgefallen, dass auf Mittelwelle das obere Bandende unempfindlicher war. Auf dem hinteren Plattenpaket des Drehkondensators sitzt ein Trimmkondensator für den Mitttelwellenbereich, den ich so verdreht habe, dass ich den Deutschlandfunk bei etwa 1400 kHz optimal empfangen konnte. Danach war die Empfindlichkeit auf dem gesamten Mittelwellenband in etwa gleich.

Viele behaupten, dass nach einem Neuabgleich der AM-Bereiche und insbesondere der AM-ZF-Bandfilter die Empfindlichkeit immer verbessert ist. Das ist wahrscheinlich meistens richtig, wenn man es nicht gerade falsch macht, denn im Werk wurden die AM-ZF-Bandfilter unterkritisch abgeglichen, damit ihre Bandbreite einen gute Höhenwiedergabe für die Musikwiedergabe liefert. Wird nun nach Gehör und ohne Wobbelsender auf maximale Empfindlichkeit abgeglichen, erhält man kritisch abgeglichene und somit schmalbandige Bandfilterkurven mit besserer Trennschärfe und Empfindlichkeit auf Kosten der Höhenwiedergabe (siehe dazu auch http://www.fh-friedberg.de .. Versuch1_ZF_Verstaerker_neu.pdf). Die Frage ist, ob man das überhaupt will?

Weiterführende Links:
- Röhrenradios reparieren
- Typische Defekte der Bauteile alter Röhrenradios
- Kompendium von Wumpus über das Reparieren und Restaurieren alter Radios
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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 07. März 2015 um 12:35 Uhr
 
3. Februar 2017

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