Röhrenradios reparieren Drucken E-Mail
Freitag, den 23. September 2011 um 08:02 Uhr

 

Wie repariere ich alte Röhrenradios?

Die Reparatur von Röhrenradios ist leichter als so mancher denkt. 90 % der Fehler haben typische, altersbedingte Ursachen. Allerdings sind Röhrenradios nichts für absolute Laien. Es herrschen in Röhrenradios selbst nach dem Abschalten noch gefährlich hohe Spannungen, die einen Menschen töten können! Bevor man sich an eine Reparatur heranwagt, müssen neben den Sicherheitsregeln die Grundlagen der Elektrotechnik, Röhrentechnik und Rundfunktechnik bekannt sein. Erst dann können die praktischen Tipps und Erfahrungswerte richtig eingesetzt und sinnvoll bewertet werden. Richtig interessant gestaltet sich die Reparatur alter Rundfunktechnik mit dem geschichtlichen Hintergrundwissen. Die Verein GFGF e.V. bietet dazu viele Einblicke.

Nur mit dem Basiswissen der Elektrotechnik und Rundfunktechnik ist auch eine systematische Fehlersuche möglich. Da schon sehr viel im Internet beschrieben ist, und es keinen Sinn macht, das Rad neu zu erfinden, möchte ich wenn möglich auf vorhandene Links verweisen. Alte Röhrenradios lassen sich mit theoretischem Wissen alleine jedoch nur sehr zeitraubend reparieren. Es gilt auch die typischen Fehler zu kennen und das altersbedingte Verhalten der zum Teil über 70 Jahre alten Bauteile einzuschätzen.

Das Restaurieren ist nicht Gegenstand dieses Artikels. Beim Restaurieren von Bakelit- oder Holzgehäusen geht es um die weitestgehende Wiederherstellung des ursprünglichen, optischen Erscheinungsbildes.


Was sind die typischen Defekte eines alten Röhrenradios im Überblick?

1. Mechanische Probleme und elektrische Kontaktprobleme: Verharzte und dadurch schwergängige Mechanik an Achsen, Potenziometern, Schaltern, und Drehkondensatoren. Gerissene oder ausgeleierte Skalenseile. Kontakschwierigkeiten durch Schmutz und Korrosion.

2. Fehler durch Alterung der Bauteile: Verbrauchte Röhren, wodurch das Gerät unempfindlich wird und verzerrt klingt. Verbrauchte Röhren haben eine geringere Steilheit und einen verringerten Anodenstrom. Bestimmte Kondensatortypen neigen zu Leckströmen und verändern damit den Arbeitspunkt der Röhren. Ausgetrocknete Elkos haben an Kapazität verloren. Gealterte Selengleichrichter besitzen einen ungewöhnlich hohen Spannungsabfall in der Durchlassrichtung. Hochohmige Widerstände können noch hochohmiger werden. Mehr unter
"Typische Defekte der Bauteile alter Röhrenradios".

Selten sind es Totalausfälle der Bauteile, sondern es liegen eher Veränderungen der Bauteileparameter vor. Totalausfälle sind meistens auf schlechte Kontakte zurückzuführen, welche gereinigt werden müssen. Kalte Lötstellen sorgen für Wackelkontakte.


Warum bereiten alte Röhrenradios so viel Freude? Die genannten mechanischen und elektrischen Fehler kommen fast nie alleine vor. In einigen Fällen benötigt das Radio einen neuen Abgleich. Zählt man noch das Restaurieren hinzu, gestaltet sich das Reparieren und Restaurieren alter Röhrenradios zu einem abwechslungsreichen Hobby, welches gleichermaßen theoretische und handwerkliche Kenntnisse voraussetzt. Ganz nebenbei lernt man noch einiges über die damalige technische Entwicklung und die vergangenen Geschmacksvorstellungen. Jedes Röhrenradio verkörpert ein Stück Technik- und Kunstgeschichte.


Mein Lieblingsradio Röhrenradio Braun 555 UKW Baujahr 1955 aus dem Jahre 1955 bewährt sich im täglichen Einsatz und liefert einen hervorragenden Klang auf allen Rundfunkbändern. Der verwendete Röhrensatz war für die folgenden Jahre weit verbreitet: ECC85 (UKW), ECH81 (Mischer und Oszillator), EF89 (ZF-Regelpentode), EABC80 (NF-Triode und Dioden für die Demodulation von AM, FM und die Regelspannungserzeugung), EL84 (Audio-Endstufe) und EM80 (Magisches Auge). Das Radio hatte die typischen Fehler, die sich leicht beseitigen lassen (mehr dazu hier).


Wie aus einem unansehnlichen und defekten Radio wieder ein voll funktionsfähiges Schmuckstück wird, ist unter Reparatur und Restaurierung eines alten Röhrenradios in allen Einzelheiten in Wort und Bild chronologsich dokumentiert. Zeit sollte man sich dabei auf jeden Fall lassen.

Mit welchen Röhrenradios fange ich an? Relativ einfach zu reparieren sind Röhrenradios der späten 40er bis frühen 60er Jahre. Man nehme Radios ohne aufwändige Mechanik. Bedingt durch weit verbreitete Röhrensätze gibt es keine gravierenden Schaltungsabweichungen. Diese Röhrenradios sind auch in großer Stückzahl vorhanden und die Ersatzteilbeschaffung bereitet keine großen Probleme. Um alte Radios der 50er einschätzen zu können, helfen die Seiten "Die Entwicklung der Rundfunktechnik in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg" und "R/TV-Service" mit vielen Innenansichten alter Radios.


Dieses Video zeigt die Mechanik eines alten Röhrenradios in Aktion. Mechanische Defekte haben fast immer Schmutz, Staub, klebrigen Küchendunst und verharztes Öl als Ursache.

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen? Die Grundlagen der Elektrotechnik müssen bekannt sein. Dazu müssen folgende Begriffe in ihrem Zusammenhang geläufig sein: Strom, Spannung, Widerstand, Leistung, Ohmsches Gesetz, Parallel und Serienschaltung, Innenwiderstand, Anpassung, Spule, Kondensator, Tiefpass, Hochpass, Bandpass, Saugkreis, Bandsperre, Schwingreise aller Art, Transformator, Diode, Brückengleichrichter, Elko, Drehkondensator, Effektiv- und Spitzenspannung, Mischung von Frequenzen, Mischung von Wechselspannungen, Gegenkopplung und Mitkopplung.

Bücher und Literatur: Wem das Grundlagenwissen fehlt, findet zum Beispiel Hilfe im technischen Teil der Bücher für die Vorbereitung auf die Amateurfunkprüfung. Röhren werden allersdings für Amateurfunkprüfung nicht mehr behandelt. Empfehlenswert ist auch das Buch "Radios der 50er Jahre: Restauration, Wiederinbetriebnahme und Reparatur" von Eike Grund.

Alte Radiobastelbücher aus den 50er Jahren sind auch sehr hilfreich. Allerdings fehlen in ihnen die Beschreibung der typischen, altersbedingten Fehler, welche ich unter "Typische Defekte der Bauteile alter Röhrenradios" zusammengestellt habe. Unter http://www.tubebooks.org gibt es jede Menge kostenlose Röhrenbücher als PDF-Scans, deren us-amerikanisches Copyright abgelaufen ist.

Schaltpläne alter Röhrenradios: Diese gibt es zum Beispiel auf http://www.anova.at/ zum Herunterladen. Dort sind 6300 Schaltpläne als JPG-Dateien in zwei Zip-Dateien abgelegt. Die Dateien sind nach den Herstellern geordnet. Mitglieder von Radiomusuem.org können auf eine große Anzahl von Schaltbildern zugreifen.

Grundlagen der Röhrentechnik für Anfänger: Elektronenröhren sind relativ einfach zu verstehen. Trioden und Pentoden sind ähnlich wie ein Feldeffekttransistor spannungsgesteuerte Verstärkerbauelemente, die analog zum JFet am Steurgitter mit negativer Vorspannung arbeiten. Unter http://www.elektronikinfo.de ... roehren.htm gibt es bereits eine praktische Einführung. Röhren altern durch ihren Betrieb. Die Elektronen-Emissions-Fähigkeit der Kathode lässt im Laufe der Betriebsdauer nach. Der Effekt tritt schleichend ein. Die Verstärkung lässt dadurch nach. Das Radio wird unempfindlich. Röhrenprüfer können feststellen, ob eine Röhre noch taugt. Ebenfalls lesenswert ist die Geschichte der Elektronen-Röhre, welche ein Verständnis der verschiedenen Röhrentypen vermittelt. Zur Eingewöhnung in die Röhrenschaltungstechnik eignet sich die Beschäftigung mit einer einfachen NF-Endstufe. Unter "Schaltungstechnik" gibt es weitere Hinweise. Dort sind auch die Netzteilschaltungen erklärt.


Röhrensatz eines Radios aus den 50ern für neunpolige Novalsockel und für 6,3 Volt Heizspannung. Von links nach rechts: UKW-Doppeltriode ECC85, Mischröhre und Ozillatortriode ECH81, ZF-Regelpentode EF89, NF-Triode und 3 Dioden für AM- und FM-Demodulation EABC80, NF-Endröhe EL84, Magisches Auge EM80 (Großansicht hier).


Blockschaltbild eines typischen Röhrenradios für UKW und AM nach dem Superhet-Prinzip aus den 1950er-Jahren mit einem für die damalige Zeit typischen Röhrensatz. Die grundsätzliche Funktionsweise der Elektronenröhren ist hier ohne unnötigen Ballast beschrieben.

Die vorangegangenen Hinweise gelten auch für ähnliche Röhrensätze früherer Baujahre. Wie Röhren funktionieren und wie die Fehlerbilder der Elektronenröhren (Diode, Triode, Tetrode, Pentode, Mischröhren) aussehen habe ich hier beschrieben.

 

Das Superhet-Prinzip: Fast alle "Dampfradios" der 50er-Jahre sind als Superhet (Überlagerungsempfänger) aufgebaut. Wie dieses Prinzip in einem Röhrenradio funktioniert, ist unter http://www.jogis-roehrenbude.de ... /Superhet.htm und den nachfolgenden Seiten ausführlich beschrieben. Nur wenn dieses Prinzip verstanden ist, macht das Lesen der nachfolgenden Reparaturtipps Sinn. Wer einmal selbst einen Mittelwellen-Röhren-Superhet bauen möchte findet hier eine ausführliche Bauanleitung.

Superhet-Abgleich: Es ist selten, dass ein Superhet neu abgeglichen werden muss. Hier unter AM-Abgleich ist dieser Vorgang ebenfalls beschrieben. Beim Abgleich ist zwischen den Filtern für die AM- und FM-ZF zu unterscheiden.  Die Filter für AM und FM (UKW) sind fast immer im gleichen Abschirmbecher untergegebracht, was für anfängliche Verwirrungen sorgen kann.

Ratiodetektor abgleichen: Bei UKW ist das Signal frequenzmoduliert. Der UKW-Tuner liefert eine ZF von 10,7 MHz, welche im ZF-Verstärker verstärkt wird und anschließend im Ratiodetektor demoduliert wird. Folgende Links liefern Hinweise zum Ableich des Ratiodetektors:

- Abgleich eines FM-ZF-Verstärkers mit Ratiodetektor
- Einführung in die FM-Demodulation
- FM UKW Abgleich leicht gemacht

Ratiodetektor mit Germaniumdioden
Ein Ratiodetektor mit Germaniumdioden nach der Entfernung des Abschirmbechers. Ältere Ratiodetektoren sind mit Röhrendioden aufgebaut, welche sich zum Beispiel in der EAA91 oder EABC80 befinden.

Gibt es beim UKW-Empfang zwei Maxima, ist der FM-ZF-Verstärker neu abzugleichen. Ist der UKW-Empfang in Sendermitte verzerrt, mus der Ratiodetektor neu abgeglichen werden. Ein Ratiodetektor besitzt einen kleinen Elko von etwa 5 uF und etwa 70 Volt Spannungsfestigkeit, dessen Pluspol an Masse anliegt. Dieser Elko hat häufig an Kapazität verloren und ist deshalb zu überprüfen und gegebenenfalls auszutauschen. Eine zu kleine Kapazität führt zu einem leisen Klang mit fehlenden Bässen. Der Kapazität des Ersatzes ist unkritisch und kann zwischen 5 und etwa 33 uF liegen. Wichtig ist die erforderliche Mindestspannungsfestigkeit.

Anschlussbelegung von Röhren: Die Seite http://tdsl.duncanamps.com/tubesearch.php liefert die Datenblätter und Anschlussbelegungen fast aller gängigen Röhren.


Praktische Tipps, Sicherheitsregeln und interessante Links:

Sicherheitshinweise: http://www.oldradioworld.de/safety.htm Wer überleben will, muss diese Regeln beachten! Allstromgeräte besitzen zum Beispiel keinen Netztrafo. Die volle Netzspannung kann direkt auf dem Chassis anliegen. Die Röhrenbezeichungen solcher Radios fangen meist mit U an, z.B. UL84 oder UCH81.

Wumpus-Kompendium über Röhrenradios: http://www.oldradioworld.de/hints.htm Sehr umfangreich und lässt kaum Fragen offen. Ich empfehle unbedingt den gesamten Text der drei Teile durchzuarbeiten, damit man auch durch den Ein- und Ausbau des Chassis keinen Schaden anrichet.

Weitere Tipps zur Restaurierung und Reparatur alter Radios: Ausführliche Reparaturberichte über Röhrenradios von etwa 1938 bis bis 1962 sin auf der Seite über die Sammlung meiner Radios zu finden. Dort auf die hellblauen Überschriften klicken, um auf die Reparatur- und Restaurierungsberichte zu klicken. Aus Beispielen lernt man sehr gut.

Reparaturpraxis, Sammeln - warum? Schaltungstechnik: Unter http://home ... nostalgie/reparatur.htm befinden sich lesenswerte Seiten, die dem Einsteiger einen Überblick vermitteln.

Welche Kondensatoren sind häufig defekt? Bestimmte Kondensator-Typen zeigen altersbedingt Leckströme auf, die je nach Einsatz in der Schaltung zu Fehlern führen können oder ein Sicherheitsrisiko darstellen können. Unter "Kleine Kondensatorkunde" oder "Problemkondensatoren" sind die problematischen und unproblematischen Kondensator-Kandidaten aufgelistet und abgebildet. Diese sollte man erkennen. Obligatorisch sollte man den Koppelkondensator zum Gitter der NF-Endröhre austauschen, Wenn dieser Kondensator einen Leckstrom aufzeigt, ist der Anodenstrom der NF-Röhre viel zu hoch, was weitere Defekte nach sich ziehen kann. Leckströme können durch eine Reihenschaltung von einer Spannungsquelle ab 90 Volt, einem Sicherheits-Widerstand von etwa 1 Mega-Ohm und einem Ampere-Meter im ma-Bereich festgestellt werden. Manche hochohmige Ohmmeter sind ebenfalls für die Feststellung von Leckströmen geeignet.

Wie sehen die Bauteile alter Radios aus und welche Defekte können sie haben? Diese Fragen habe ich in Wort und Bild unter Typische Defekte der Bauteile alter Röhrenradios beantwortet.

Elkos formieren: Wenn alte Elkos im Netzteil jahrelang nicht in Betrieb waren, haben sie hohe Leckströme und geringe Kapazität. Sie müssen vor dem Einschalten des Radios formiert werden. Die Elkos im Netzteil sind zu überprüfen, ob sie im Betrieb nicht wegen der Leckströme heiß werden. Solche Elkos können explodieren.

Wie schaltet man ein altes und unbekanntes Radio zum ersten mal ein? Zur Sicherheit sollte ein Glühbirne von etwa 60 Watt vorgeschaltet werden. Leuchtet sie hell, hat das Radio einen Kurzschluss. Was noch alles zu beachten ist, steht zum Beispiel hier.


Chassis eines Röhrenradios (Grundig 2460) von vorne. Das zerbrechliche Skalenglas ist mit Vorsicht zu behandeln. Seine bedruckte Innenseite darf nicht gereinigt werden, da sonst die Bedruckung verwischt wird.


Chassis eines alten Röhrenradios (Grundig 2460) von oben. Die Röhren von links nach rechts: ECC85, ECH81, EF89, EABC80, EL84.


Dasselbe Chassis von unten zeigt die freie Verdrahtung der Bauteile. Im Kasten rechts unten befindet sich der UKW-Tuner.

Wie reinigt man ein Chassis? Es gibt Leute, die ein Chassis in der Geschirrspülmaschine reinigen. Das kann gut gehen. Es kann aber erhebliche Schäden verursachen. Ich rate davon dringend ab. Besser ist es mit weichen Pinseln den Staub zu entfernen ohne dabei die dünnen Drähte abzureißen. Anschließend werden mit vielen Wattestäbchen, Zahnbürsten und einer Spülmittellösung (oder Glasreiniger) die Blechoberflächen gereinigt. Die Röhren können mit Glasreiniger, Wattestäbchen, Zahnbürsten und Haushaltspapiertüchern gereinigt werden, wobei darauf geachtet werden muss, dass die Bedruckung nicht weggewischt wird. Mit einem gereinigten Chassis verschwinden unangenehme Gerüche und die Fehlersuche gestaltet sich angenehmer. Dicke Staub- und Fettschichten stellen zudem eine Brandgefahr dar. Die bedruckte Rückseite der Skalengläser tastet man am besten überhaupt nicht an, da sonst die Bedruckung weggewischt wird.

Ersatzteilebeschaffung: Eine Zusammenstellung von Beschaffungsquellen für Röhren, Bauteile, Reinigungsmittel und Zubehör habe ich z.B. unter "Sponsoren des Radiomuseums Bocket" gefunden. Daneben findet man Bauteile auf Amateurfunkflohmärkten oder bei Freunden und Bekannten, welche mit einem das gleiche Hobby teilen.


Vorstellung eines kleinen, gemütlichen Radiomuseums in Bocket, welches sich auf Röhrenradios der Marke Loewe spezialisiert hat. 300 Exponate haben sich inzwischen schon angesammelt, welche hier auch restauriert und repariert werden.


Video auf Englisch über die typische, systematische Vorgehensweise bei der Reparatur eines alten Röhrenradios.

Warum arbeiten Röhrenradios mit so hohen Anodenspannungen? Viele kennen Radioschaltungen für den Nachbau und Experimentierzwecke, welche mit für den Menschen weniger ungefährlichen Anodenspannungen von 6 bis 60 Volt arbeiten. In Röhrenradios werden aber Anodenspannungen von über 200 Volt eingesetzt. Warum? Je höher die Anodenspannung, desto höher kann auch der Arbeitswiderstand an der Anode dimensioniert werden. Je höher der Arbeitswiderstand ist, desto höher ist auch die Spannungsverstärkung. Um Lautstärke für den Betrieb der Lautsprecher zu erzielen, benötige ich ebenfalls hohe Anodenspannungen, um die nötige Leistung zu erzielen. Gerne hätte man noch höhere Spannungen eingesetzt, doch dann benötigt man Kondensatoren höherer Spannungsfestigkeit. Die Gitterabstände der Röhre müssen größer gehalten werden, um Überschläge zu vermeiden. Große Gitterabstände gehen wieder auf die Kosten der Röhrensteilheit und setzen damit die Spannungsverstärkung herab. Die Anodenspannung von 200 Volt ist ein Kompromiss zwischen vielen technischen Faktoren.

Kofferradios, die Batterieröhren besitzen, arbeiten mit einer Anodenbatterie, die 70 bis 90 Volt liefert, weil für diese Spannungen die Anzahl der Batteriezellen noch bezahlbar ist. Für Autoradios gibt es Niederspannungsröhren mit 6 Volt Anodenspannung, weil damals das Bordnetz 6 Volt lieferte. Diese Niedervoltröhren für Autoradios wurden entwickelt, weil es damals noch keine geeigneten Transistoren für Hochfrequenz gab. Die NF-Stufe dieser Autoradios war mit Transistoren aufgebaut. Die EF98 ist eine solche Niederspannungsröhre, welche in heutiger Zeit gerne für Experimente mit Rückopplungsempfängern eingesetzt wird.

Kohleschichtwiderstände der 50er und 60er Jahre aus alten Röhrenradios
Verschiedene Bauarten von Widerständen aus alten Fernsehern und Röhrenradios der 40er bis 70er Jahre. Widerstände, die mit Farbringen nach dem Widerstandsfarbcode gekennzeichnet sind, kamen erst später auf. Besonders die hochohmigen Widerstände neigen altersbedingt dazu noch hochohmiger zu werden, da ihre Kohleschicht besonders dünn und lang ist. Manchmal erkennt man die gewendelte Kohleschicht unter der Lackschicht.

Meine grundsätzliche Vorgehensweise bei der Fehlersuche elektrischer Fehler: Bei meiner Vorgehensweise suche ich erst einmal systematisch die Stufe, in der der Fehler stecken muss. Dazu kan ein Signalinjektor helfen,  wobei ich mich von hinten nach vorne, also in Gegenrichtung des Signalwegs, durcharbeite. Wenn dann die Stufe lokalisiert ist, die höchstwahrscheinlich defekt ist, untersuche ich nach der Ausfall-Wahrscheinlichkeit die einzelnen Bauteile. Das gelingt auch ohne Schaltbild.

Ganz allgemein muss man also erst einmal die Stufe finden, in der der Fehler höchstwahrscheinlich stecken muss. Dazu hilft die Kenntnis darüber, wie ein Superhet Stufe für Stufe organisiert ist. Dabei muss man nicht einmal so sehr im Detail wissen, wie die einzelnen Schaltungen funktionieren. Wenn kein Schaltbild vorliegt, kann man das ja auch nur bedingt. Es reicht oft nur zu wissen, was die einzelnen Stufen eigentlich machen. Die Röhrenbezeichnung der betreffenden Stufe gibt darüber Auskunft. Eine EL84 ist immer die NF-Endstufenröhre, eine ECH81 immer für den Ozillator und die Mischstufe da und so weiter. Um die entstprechende Stufe zu finden, hilft ein Signalinjektor und etwas Überlegen. Hat man die verdächtige Stufe eingekreist, dann kann man ganz gut nach der Ausfall-Wahrscheinlichkeit der Bauteile vorgehen, weil ja nur noch relativ wenige Bauteile in Betracht kommen. Die folgende Reihenfolge hat sich bei mir als ganz praktisch bewährt:
 

1. Sichtkontrolle, ob der Heizfaden der Röhre glüht und ob Bauteile verschmort aussehen.

2. Merkwürdiger Geruch und/oder Hitzeentwicklung? Rauch? Glühende Anodenbleche?

3. Anodensversorgungsspannung messen.

4. Die Kontakte an Schaltern und Röhrensockeln und Fassungen reinigen.

5. An allen Bauteilen mit einem Holzstäbchen auf der Suche nach kalten Lötstellen und Kurzschlüssen herumwackeln.

6. Die Spannungen an den Elektroden der Röhre messen. Oft kann dann der Fehler schon weiter eingekreist werden.

7. Im ausgeschalteten und vollkommen spannungsfreien Zustand alle Widerstandswerte nachmessen. Dies geht meistens ohne Ausbau der Widerstände.

8. Röhre gegen eine Teströhre tauschen, von der man weiß, dass sie funktioniert. Sie kann aus einem anderen Radio sein.

9. Die Papierkondensatoren und Elkos der betreffenden Stufe tauschen.
 

Die Reihenfolge ist nicht bindend und dient nur als Vorschlag. Die Reihenfolge hängt auch etwas von der betreffenden Stufe im Radio ab. Die eigenen Erfahrungen spielen dabei selbstverständlich auch eine große Rolle.


Meine persönliche Vorgehensweise für die Fehlersuche und Reparatur auf eine andere Art erklärt: Angenommen sei, dass die Heizfäden glühen, die Anodenspannung vorhanden ist, der Gleichrichterelko nicht warm wird und sonst auch keine verdächtigen Gerüche auftreten (stechender Geruch = Windungsschluss eines Trafos oder einer Drossel, faule Eier = Selengleichrichter). Angenommen sei zudem kein Empfang oder schwacher Empfang. Ein unbekanntes Radio wurde außerdem nach den üblichen Vorsichtsmaßnahmen in Betrieb gesetzt. Ich gehe davon aus, dass die praktischen Grundlagen der E-Technik und Radiotechnik bekannt sind. Folgende Reihenfolge hat sich bei mir bewährt:

1. Mit HF-Kontaktspray (Tunerspray, z.B. Kontakt Chemie Tuner 600 oder Kontakt 60) meiner Wahl alle Kontakte durch gezieltes und sparsames Sprühen reinigen. Zusätzliche Kontaktfehler machen eine Fehlersuche schwer. Schlechte Röhrenkontakte sind eine häufige Fehlerursache. Ebenso beruhen krachende Potenziometer auf Verschmutzungen, die mit Kontaktspray beseitigt werden können. Fast alle alten Radios leiden unter korrodierten oder verschmutzten Kontakten. Laut des Merkblattes der Kontakt Chemie verläuft die Kontaktreinigung in drei Phasen. Kontakt 60 löst Korrosion und Schmutz, Kontakt WL spült Schmutz und Korrosionsreste weg, Kontakt 61 schützt die sauberen Kontakte.

2. Mit geeignetem, geruchlosem Kriechöl ("Rostlöser" z.B. CRC 5-56) meiner Wahl die Mechanik gängig machen ohne dabei die Skalenseile einzuölen. Immer nur gezielt und sparsam sprühen. Fehler in der Mechanik beruhen fast immer auf Verharzungen der beweglichen Teile. Geduld lohnt sich, um das Kriechöl ein paar Stunden einwirken zu lassen.

3. Überprüfung aller Elkos, von denen es ja in einem Röhrenradio nicht so viele gibt und gegebenenfalls Ersatz einbauen. Vorsorglich intakte Elkos parallelschalten, da die alten Kondensatoren Kapazitätsverlust haben. Natürlich auf richtige Polung und Spannungsfestigkeit achten.

4. Koppel-Kondensatoren an den Gittern der NF-Röhren werden obligatorisch ersetzt, da deren Leckströme fast immer den Arbeitspunkt erheblich verstellen. Der zu hohe Anodestrom sorgt für einen verzerrten Klang, vorzeitigen Verschleiß der Endröhre und Überbelastung des Netztrafos, zu hohem Brumm auf der Anodenspannung.

5. Wenn das Radio tot ist, speise ich mit einem einfachen Multivibrator von hinten nach vorne dem Signalweg entgegengesetzt folgend ein Signal an die Gitter ein, um den Fehler eingrenzen zu können.

6. Wenn es trotz zugeführtem Signal am Gitter der Endröhre nicht aus dem Lautsprecher brummt oder piepst, Wechselspannungen am Lautsprecher oder NF-Ausgangstrafo messen.

7. Gleichspannungen an den Elektroden der Röhren überprüfen. Dazu habe ich mir als grobe Anhaltspunkte die Gleichspannungen eines Radios mit demselben Röhrensatz aufgeschrieben. Typische Gleichspannungswerte zeigt z.B. das Schaltbild des Braun 555 UKW. Diese Spannungswerte können auch als Richtwerte bei Röhrenradios mit demselben oder einem ähnlichen Röhrensatz verwendet werden. Abweichungen von plus minus 10% haben meistens keine Bedeutung. Ein Beispiel: Der Spannungsabfall am Kathodenwiderstand der EL84 liegt bei den meisten Schaltungen zwischen 6 und 9 Volt. Durch den vorgegebenen Röhrensatz und den ökonomischen Zwängen hatten die damaligen Entwickler nicht viel Spielraum. Die Spannung am Schirmgitter ist natürlich immer kleiner als an der Anode.

8. Wechselspannungen an den Anoden mit dem Oszilloskop überprüfen. Dazu habe ich wieder grobe Vergleichswerte an einem Radio mit dem gleichen oder einem ähnlichen Röhrensatz aufgeschrieben. Solche Unterlagen lohnen sich.

9. Absuchen nach augenscheinlich defekten Lötstellen und Nachmessen der Widerstände der betroffenen Stufe. Im ausgeschalteten und spannungslosen Zustand (entladene Siebelkos!) lassen sich fast alle Widerstände ohne Ausbau mit einem Ohmmeter nachmessen. Falls Kurzschluss gemessen wird, auf einen anderen Wellenbereich umschalten und nochmal messen. Falls ein Widerstand verdächtig ist, einseitig auslöten und messen. Meistens sind die hochohmigen Widerstände noch hochohmiger. Überlastete Widerstände haben deutliche Farbveränderungen. Die Ursache ist meist ein defekter Kondensator in der Nähe. Seltener ist es eine Röhre mit Elektrodenschluss.

10. Austausch der wegen ihrer Leckströme bekannten Problemkondensatoren-Bauarten (Papier, ERO100, Tropydur u.s.w.) der betroffenen Stufe.

11. Falls immer noch schlechter Empfang, die Mischröhre (ECH81 u.s.w.) austauschen. Diese ist oft verbraucht. Es ist praktisch einen Röhrensatz zu haben, von dem man weiß, dass er in Ordnung ist, um Röhrenfehler ausschließen zu können. Für den Anfang reicht eine ECC85, ECH81 und EL84 zu Testzwecken.

12. Bei schlechtem UKW-Empfang ist oft die ECC85 verbraucht. Der defekte Elko am Ratiodetektor sorgt ebenfalls für leisen Empfang. Es ist derjenige Kondensator, dessen Pluspol an Masse ist.

13. Will man wissen, ob der Oszillator des UKW-Tuners schwingt, arbeite ich mit einem selbstgebauten Diodentastkopf und einem Multimeter. Den Tastkopf halte ich nur einen cm von der Schwingspule entfernt. Dies geht auch bei den anderen Wellenbereichen.


Diodentastkopf für den Nachweis von Hochfrequenz bis in den UKW-Bereich.


14. Wenn der Klang immer noch nicht zufriedenstellend ist, weil er zu dumpf oder zu hell klingt, kann man die Kondensatoren der Klangregelung ersetzen.

15. Wenn der Fehler periodisch auftritt und sich im Minutentakt ein- und auschaltet, ist meist eine Röhre daran Schuld, oft ist es die ECC85 oder EC92 im UKW-Teil. Diese Röhren sind auch meistens für ein Wegdriften der UKW-Sender verantwortlich. Gebrauchte Röhren, die vom Röhrenprüfer als gut erkannt werden, können ebenfalls wegdriften.

16. Wackelkontakte findet man durch vorsichtiges Klopfen mit einem alten Kugelschreiber an den verdächtigen Bauteilen. Nietungen können für schlechte Massekontakte sorgen, was zu rätselhaften Fehlern mit schlechten Empfangsleistungen führen kann. Röhren können mit einem Abklopfhammer oder einem ähnlichen isoliertern Gegenstand beklopft werden, um interne Wackelkontakte und interne Kurzschlüsse der Röhren aufzuspüren.

17. Wenn Langwelle oder Mittelwelle nicht gehen, aber sonst alles funktioniert, können die Eingangsspulen für Lang- und Mittelwelle durch Blitzschlag zerstört worden sein.

Ich denke, mit diesen Tipps bekommt man 80 bis 90% der Fehler in den Griff. Die restlichen 10 bis 20% können natürlich schwierig werden, besonders wenn mehrere Fehler gleichzeitig auftreten. Falls man nicht weiterkommt, können auf alte Röhrenradios spezialisierte Foren wie z.B. das Wumpus-Gollum-Forum, welches von einem erfahrenen Fachmann mit jahrzehntelanger Berufserfahrung auf diesem Gebiet geleitet wird, weiterhelfen. Weitere Tipps findet man unter "Der Reparaturhelfer von Magisches Auge".


Neben den berühmten Wima Tropydur (Malzbonbons) sind auch die hier abgebildeten Papierkondensatoren ERO 100 auf Grund zu hoher Leckströme häufig defekt. Defekte Kondensatoren müssen in alten Röhrenradios nicht alle zwingend ausgetauscht werden. Es hängt auch davon ab, welche Funktion sie in der Schaltung erfüllen.


Die WIMA-Tropydur-Kondensatoren, welche auch Malzbonbons genannt wurden, besitzen fast ausnahmslos Leckströme und beschäftigten Generationen von Radio- und Fernsehtechnikern für ihren Austausch gegen andere Bauarten. Tropydur-Kondensatoren, Papierkondensatoren und ähnliche Kondensatoren können durch moderne Kunststofffolienkondensatoren entsprechender Spannungsfestigkeit ersetzt werden.

Folgende Messgeräte verwende ich: Einfacher Prüfsender, Multivibrator, Multimeter bis 1000 Volt DC und eingebauten Kapazitätsmesser und Ohm-Meter, Gebrauchtes Oszilloskop bis 20 MHz. Selbstgebautes digitales L/C-Messgerät für die Überprüfung von Spulen, ein Röhrenprüfer als Selbstbauprojekt ist noch nicht fertiggestellt.


Ein paar Beispiele typischer Fehler in ungeordneter Reihenfolge:

1. Eine mit einer Pentode aufgebaute Verstärkerstufe zeigt keine Verstärkung. Die Messung ergibt, dass am Schirmgitter keine Spannung anliegt. Zwei Ursachen sind wahrscheinlich. Entweder hat der Abblockkondensator vom Schirmgitter nach Masse einen Kurzschluss oder der Vorwiderstand zum Schirmgitter ist unterbrochen. Im spannungslosen Zustand messen wir den Widerstand mit einem Ohmmeter.  Ist der Widerstand in Ordnung, liegt es wahrscheinlich an einem Kurzschluss des Kondensators.

2. Das Anodenblech der NF-Endröhre ist dunkelrotglühend und/oder der Ton klingt verzerrt. Der Spannungsabfall am Kathodenwiderstand ist viel zu hoch und deutet auf einen zu hohen Anodenstrom hin. Wir klemmen den Koppelkondensator zum Steuergitter ab und stellen fest, dass nun weniger Spannung am Kathodenwiderstand abfällt. Damit ist klar, dass der Koppelkondensator einen Leckstrom besitzt, welcher für eine positive Steuergitterspannung sorgt, wodurch die Anode zu viel Strom zieht.


Der klassische, altersbedingte Fehler fast aller Röhrenradios. Falls der 10nF-Kondensator, welcher den Koppelkondensator zum Steuergitter der EL84 (NF-Endröhre) darstellt, einen Leckstrom hat, erhöht sich der Anodenstrom der EL84 dramatisch, was zu Verzerrungen und erhöhten Verschleiß führt. Auf Grund des zu hohen Anodenstroms ist auch die Spannung zwischen Kathode und Masse höher als angegeben. Hat der Elko am Kathodenanschluss an Kapazität verloren, wirkt sich dies auf eine schlechte Basswiedergabe und zu geringe Lautstärke aus. Hätte der 1nF-Kondensator an der Anode der EL84 einen Leckstrom, wäre dieser immer noch so klein im Vergleich zum Anodenstrom, dass keine Auswirkungen auf die Funktion der Schaltung festzustellen wären.

3. Der UKW-Empfang klingt zu leise, etwas verzerrt und zu hell. Häufig liegt das an dem Elko im Ratiodetektor. Dessen Pluspol ist mit Masse verbunden. Wahrscheinlich hat er an Kapazität verloren. Der Wert liegt meistens bei um die 10 uF. Der neue Kondensator muss nicht exakt den gleichen Kapazitätswert haben und darf einen wesentlich größeren Wert haben. Ausprobieren.

4. Das Radio lässt sich nicht einschalten und bekommt keine Netzspannung. Das kann an dem Kippschalter liegen, mit dem die Netzspannung eingeschaltet wird. Mit Kriechöl (Rostlöser) und einigen spannungslosen Schaltvorgängen kann er wieder funktionsfähig gemacht werden, ohne dass er ausgebaut werden muss. Nach dem Einsprühen sollte man ein paar Tage warten bis alle brennbaren Dämpfe verdampft sind, da andernfalls der Schalter durch den Einschaltfunken explodieren kann.

5. Das Radio brummt sehr stark. Häufig sind die Siebkondensatoren des Netzteils ausgetrocknet und haben Kapazität verloren. Falls diese Kondensatoren, welche sich gemeinsam in einem Metallbecher befinden, nicht warm werden, können moderne Elkos von 50 bis 100 uF mit der notwendigen Spannungsfestigkeit parallelgeschaltet werden. Es ist unbedingt auf richtige Polarität zu achten, da sonst die Elkos mit einem lauten Knall explodieren. Der Brumm kann aber auch an einer defekten Röhre liegen, wenn ein Feinschluss zwischen der indirekt geheizten Kathode und dem Heizfaden vorliegt.

6. Der UKW-Empfang ist sehr unempfindlich. Ein Austausch der ECC85 und/oder der ECH81 kann die Lösung sein. Der Anodenwiderstand des Heptodensystems der ECH81 kann zu hoch sein. Der Abblockkondensator am Pin 1 der ECH81 kann defekt sein. Am Pin 1 der ECH81 sollten mindestens 70 Volt anliegen. Wenn keine neuwertige ECC85 zur Verfügung steht, spricht nichts dagegen einen transistorisierten UKW-Vorverstärker einzusetzen. Sehr oft sind in alten Radios die UKW-Tuner völlig verstellt worden, weil versucht wurde den Polizeifunk zu empfangen und es wurde wahllos überall herumgeschraubt. Dann hilft ein neuer Abgleich, was ein weiterführendes Thema darstellt.

7. Der Drehko (Drehkondensator) lässt sich schwer bewegen oder sitzt fest. Die Achslager mit ein paar Tropfen Rostlöser versehen und einwirken lassen. An die Skalenseile darf kein Öl gelangen. In hartnäckigen Fällen den Drehko ausbauen und bei 50° C im Backofen erwärmen, damit sich das Harz löst. Alternativ kann der Drehko mit einem Haarföhn erwärmt werden und anschließend in einer 40° bis 50° C warmen Waschlauge (Waschmittel für die Waschmaschine) gereinigt werden. Danach gut mit Wasser spülen und trocknen. Früher hat man die Drehkos in Wasser und Waschpulver in einem Topf auf einem Herd 10 Minuten lang ausgekocht. Dies kann allerdings bei neueren Drehkondensatoren Kunststoffteile zerstören oder bei älteren Drehkos den Lack Blasen bilden lassen. Deshalb ist diese Methode nur als letzte Rettung anzuwenden, die aber fast immer zum Erfolg führt. Festsitzende Achsen können auch mit einem dicken Lötkolben von 100 Watt erwärmt werden, bis das Harz herausquillt. Vorher sind in der Nähe angebrachte Kunststoffteile zu entfernen. Bei Drehkos mit Untersetzungsgetrieben darf keine Gewalt angewendet werden, da sonst die Zahnräder beschädigt werden. Mit Bremsenreiniger (feuergefährlich) habe ich auch gute Erfahrungen bei der Drehko-Reinigung gemacht.

8. Der UKW-Empfang schaltet sich periodisch an und aus oder driftet weg. Dann liegt es meistens auch an der ECC85, UCC85 oder EC92 im UKW-Tuner.

9. Das Magische Auge leuchtet nicht oder nur sehr schwach. Das ist ein sehr häufiger Fehler. Im Laufe der Betriebsdauer lässt die Leuchtkraft der grün floureszierenden Schicht der Anzeigenröhren nach. Schaut man genau auf die Leuchtschicht, lässt sich manchmal erkennen, mit welcher Signalstärke die bevorzugten Sender über die Jahre empfangen wurden. Eine Erhöhung der Betriebsspannung kann mittelfristig Abhilfe schaffen. Die hohe Spannung kann allerdings zu Schmorbränden am Pertinaxsockel des Magischen Auges führen. Auf die Dauer hilft nur ein neues magisches Auge. Leider sind solche Röhren teuer geworden, da sie nicht mehr hergestellt werden. Der Fehler hat allerdings keinerlei Einfluss auf die übrige Funktionsfähigkeit des Empfängers.

10. Gerissene Skalenseile lassen sich durch eine farblose Nylonschnur (ca 0,4 mm Durchmesser), welche es in Textilgeschäften gibt, gut ersetzen, falls sich "richtige" Skalenseile nicht beschaffen lassen.

11. Kein Empfang oder schlechter Empfang auf Mittelwelle. Angenommen sei, dass der UKW-Empfang funktioniert. Meistens sind dann verschmutzte Kontakte die Ursache. Die Kontakte des Tastensatzes mit Tuner 600 oder bei groben Verschmutzungen mit Kontakt 60 reinigen und dabei bewegen. Mittelwellenempfang funktioniert übrigens nach den Gesetzen der Wellenausbreitung nur nach Sonnenuntergang gut und bei Tage im Sommer sind nur Ortsender zu empfangen (Videobeispiel "Mittelwellenempfang um die Mittagszeit" hier). Wenn der Empfänger keine Ferritantenne besitzt, sind wenigstens ein paar Meter Draht als Antenne anzubringen. Leider empfängt eine Zimmerantenne auch viele hausgemachte Störungen durch Fernseher, Leuchtstoffröhren, Schaltnetzteile u.s.w.. Bewährt haben sich für den Mittelwellenempfang Rahmenantennen. Eine Außenantenne aus einem Draht ist oft noch besser und darf mehrere 10 Meter lang sein. Damit lassen sich mit einem Röhrenradio 50 bis 70 Mittelwellensender in den Winternächten empfangen. Bei Außenantennen auf den Blitzschutz achten und die Antenne bei Nichtbenutzung abziehen. Zusätzlich hilft eine Erdung des Gerätes an der Erdungsbuchse mit der Zentralheizung. Vor allen Dingen sollten bei Allstromgeräten vor dem Anschluss einer Antenne oder einer Erde die betroffenen Koppelkondensatoren gegen Kondensatoren mit VDE-Prüfzeichen ausgetauscht werden. Keinesfalls darf das Chassis eines Allstromgerätes direkt mit dem Schutzleiter oder dem Heizkörper der Zentralheizung verbunden werden, weil je nach Lage des Netzsteckers ein Kurzschluss entsteht.

12. Stechender Geruch einige Minuten nach dem Einschalten des Radios. Ursache ist meistens ein Kurzschluss (Windungsschluss) innerhalb des Netztransformators. Dadurch wird der Transformator heiß und die Spannungen an den Wicklungen fehlen oder sind niedriger als angegeben. Es besteht Brandgefahr. Ein funktionsfähiger Transformator wird nur handwarm oder nicht mehr als etwa 40° bis 50° C heiß. Der defekte Netztransformator muss gegen einen passenden Typ augetauscht werden oder er muss neu bewickelt werden, was Erfahrung und Geduld voraussetzt.


Selen-Brückengleichrichter im Flachgehäuse. Dieses Exemplar wäre noch nicht einmal für ein Netzteil eines Röhrenradios geeignet, da laut der Typenbezeichnung die zulässige Spannung nur 30 Volt bei einem maximalen Ausgangsstrom von 600 mA beträgt (B 30 C 600).

13. Es riecht nach faulen Eiern. Dies liegt an einem Defekt des Selengleichrichters im Netzteil. Da Selengleichrichter im Normalfall einen Spannungsabfall von etwa 20 Volt pro Gleichrichterstrecke besitzen, können diese nicht ohne Weiteres durch Siliziumdioden wie die 1N4007 ersetzt werden. Es ist ein passender Vorwiderstand zu verwenden, welcher die überschüssige Spannung vernichtet und den Einschaltstrom begrenzt. Außerdem sind Kondensatoren parallel zu den Siliziumdioden zur Brummvermeidung auf Lang- bis Kurzwelle zu schalten. Mehr dazu steht unter "Selengleichrichter mit modernen Silizium-Dioden ersetzen", "Ersatz eines Selengleichrichtes in Allstromempfängern" und mein "Reparaturbericht Ersatz von Selengleichrichtern" ersetzen.

14. Das Netzteil liefert eine zu geringe Anodenspannung. Es ist zu prüfen, ob der Netztransformator (siehe 12.) und die Siebelkos im Becher heiß werden. Falls die Siebelkoks heiß werden, müssen sie ausgetauscht oder formiert werden. Als weitere Ursache kann ein zu hoher Anodenstrom der NF-Endröhre die Ursache sein. Dann liegt es meistens am Leckstrom des Koppelkondensators am Steuergitter der NF-Endröhre. Auch Selengleichrichter können altern. Der Spannungsabfall an Selen-Brückengleichrichtern liegt dann weit über 20 Volt.

15. Das Radio klingt zu dumpf oder zu hell und die Klangregler funktionieren nicht richtig. Dies liegt an altersbedingten Kapazitätsveränderungen und Leckströmen der Kondensatoren in der Klangreglerstufe. Die Kondensatoren sind dann gegen neue Exemplare zu ersetzen. Vorher sind die Kontake und die Potenziometer der Klangregler mit Kontakspray zu reinigen. Seltener liegt es an hochohmig gewordenen und damit defekten Vernietungen an den Potenziometern.
 


Was man als Anfänger bei einer Reparatur nicht machen sollte: Oft werden dann gleich auf einen Schlag alle Papier-Kondensatoren und noch mehr Teile getauscht, wobei dann oft noch mehr Fehler entstehen, wenn einem die Erfahrung fehlt. Anfänger sind dann völlig überfordert. Ich hatte mal unbeabsichtigt einen Wackelkontakt selbst erzeugt, weil ich beim Tausch eines nur einzigen Kondensators einen Draht ganz leicht verbogen hatte. Was hätte alles passieren können, wenn ich 10 Kondensatoren gewechselt hätte? Bei der Durchsicht vieler in Handarbeit frei verdrahteter Chassis ist mir aufgefallen, dass einige Bauteile sehr dicht beieinander liegen. Das ist typisch, dass der Austausch eines Bauteils wieder einen anderen Fehler verursacht.

Gleich alle Röhren durch neue ersetzen? Es hilft auch nichts den ganzen Röhrensatz gegen neue Röhren zu tauschen. Das kostet eine Menge Geld und der Effekt ist allermeistens kaum spürbar. Die wahren Fehlerursachen werden dadurch oft nicht beseitigt. Röhren haben eher selten einen Totalausfall. Beispiel: Ist eine Röhre in der ZF-Stufe so stark verbraucht, dass sie nur noch die Hälfte der ursprunglichen Verstärkung liefert, sieht das auf dem Röhrenprüfer zwar dramatisch aus, aber dennoch ist die Verstärkung nur um 3 dB schlechter geworden. Dies hört das durchschnittliche Ohr nicht. Bei einigermaßen stark einfallenden Sendern sorgt die Schwundregelung zudem so oder so für eine Herabsetzung der ZF-Verstärkung. Ist die  Audio-Endstufen-Röhre schon recht verbraucht, dann klingt kräftige Zimmerlautstärke noch einwandfrei, aber bei voll aufgedrehter Lautstärke sind vermehrt Verzerrungen zu bemerken. Ein Musiker würde jetzt für den Live-Auftritt vor 1000 Zuhörern einen Röhrenwechsel vornehmen lassen, aber bei einem Küchenradio ist das überhaupt nicht nötig.

Die Parameter einer Röhre verschlechtern sich ganz allmählich mit der Bertriebszeit und selten plötzlich. Gute Röhren-Schaltungen sind so entwickelt, dass sie den Röhrenverschleiß berücksichtigen und auch noch nach vielen 1000 Betriebstunden ohne Röhrenwechsel einwandfrei funktionieren.

Vorsicht beim Tausch von Bauteilen im UKW-Teil: Zum einen sind die Keramikkondensatoren eines UKW-Teils sehr selten defekt. Zum anderen sind sie temperaturkompensiert. Wird ein solcher Kondensator im Oszillator gewechselt, dann läuft die Frequenz in der Regel so stark weg, dass der UKW-Empfang unbrauchbar wird.
 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 04. April 2015 um 12:56 Uhr
 
3. Februar 2017

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