WLAN und Computer für alle Schulen? Drucken E-Mail
Donnerstag, den 13. Oktober 2016 um 12:12 Uhr

WLAN und Computer für alle Schulen? Eine Selbstverständlichkeit in Schweden.

Als ehemaliger Lehrer berichte ich hier über meine Erfahrungen mit WLAN und Notebooks im Klassenzimmer einer typischen schwedischen Schule für die Klassen 7 bis 9. Notebooks, WLAN und interaktive Whiteboards sind in Schweden schon seit fast 10 Jahren eine Selbstverständlichkeit und prägen den schwedischen Schulalltag wesentlich.



Meine berufliche Vorbelastung: Ich selbst hatte bereits Ende der 90er Jahre interaktive Lernprogramme für die Elektronik entworfen und diese auf CD-ROM erfolgreich vertrieben, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. In Vorlesungen und in über 100 Seminaren brachte ich Ingenieuren und Studenten die Simulation elektronischer Schaltungen bei. Ohne PC für jeden Teilnehmer und ohne einen Beamer für die Präsentation hätte ich diese Seminare überhaupt nicht gestalten können. Mit einer gut didaktisch aufgebauten Lern-CD habe ich als Erwachsener die Grundlagen einer Fremdsprache erlernt. Wie man alte Röhrenradios repariert, habe ich mir zum großen Teil über ein straff geführtes Internet-Forum, wo die alten Hasen ihren Wissensschatz über diese vergangene Technik weitergeben, selbst beigebracht. Ich bin also durchaus positiv für das „digitale Lernen“ eingestellt.  Das Internet und mein Smartphone als ständiger Begleiter möchte ich, welcher seit einigen Jahren der 50plus-Generation angehört, nicht mehr missen. Fehlende Aufgeschlossenheit und eine Abneigung gegen moderne Technik kann man mir also nicht vorwerfen. Nur ist nicht alles, was neu, zeitgemäß und modern ist, auch für jeden und immer sinnvoll.


Brauchen wir eine digitale Aufrüstung der Schulen? Brauchen wir WLAN und Computer in den Klassenzimmern? Es droht laut zahlreicher unabhängiger Studien und aus den Erfahrungen der Vergangenheit viel wahrscheinlicher die Gefahr, dass WLAN und Computer an Schulen die Schulnoten verschlechtern.
 
Was das deutsche Bildungsministerium ankündigt: Laut https://www.tagesschau.de/inland/wlan-117.html vom 9.10.2016 kündigt die deutsche Bildungsministerin Wanka den DigitalPakt#D an. Bis 2021 sollen in den nächsten fünf Jahren  fünf Milliarden Euro zur digitalen Aufrüstung von 40.000 Schulen zur Verfügung stehen. WLAN für jedes Klassenzimmer und Laptops für jeden Schüler lautet das ambitionierte Ziel. Dies ist die Zukunftsvision für ein „zeitgemäßes“ Lernen an Deutschlands Schulen, um den Anschluss an die digitale Bildungsgesellschaft nicht zu verpassen.

Schwedens Schulen spielen in der Digtalisierung eine Vorreiterrolle: Das als Musterland viel gepriesene Schweden, in dem ich lebe, ist in Sachen digitaler Aufrüstung bereits viel weiter. Ich habe es selbst an einer schwedischen Schule erlebt, an der ich Deutsch als zweite Fremdsprache für die Klassen 7, 8 und 9 unterrichtete. In Schweden sind Laptops für jeden Schüler und WLAN im Klassenzimmer schon seit mindestens fünf Jahren ab der Mittelstufe (högstadie), das heißt ab der 7. Klasse, eine Selbstverständlichkeit. Ich weiß also wovon ich rede, denn ich habe es fast jeden Tag erlebt, wie WLAN, Laptops und interaktive elektronische Tafeln den Schulalltag der Kinder und Lehrer beeinflussen.

Schwedens Schulen im freien Fall: Schwedens Schulen haben allerdings gleich mehrere Probleme. Laut den PISA-Ergebnissen der letzten Jahre sind die Schulleistungen im europäischen Vergleich schlechter als der Durchschnitt. Es kommt noch schlimmer. Schweden ist laut der Studie das Land, in dem die Schulleistungen im Vergleich zu den Vorjahren am rasantesten eine Talfahrt erleben. Um diesen Abwärtstrend aufzuhalten, setzt Schwedens Schulminister Gustav Fridolin auf noch mehr Computer und Digitaltechnik in den Schulen.

Übrigens ist der schwedischen Öffentlichkeit durchaus bewusst, dass schwedische Schüler von Jahr zu Jahr schlechter bei den PISA-Untersuchungen absteigen, wobei schwedische Schüler sogar bei der Bewältigung praktischer Aufgaben schlechter abschneiden, wenn das Textverständnis oder die Anwendung von Alltags-Mathematik gefragt ist. Schwedische Kinder kommen also im Alltag nicht so gut klar, wenn sie zum Beispiel die günstigste Eintrittskarte kaufen sollen. Das problembewusste Lernen der schwedischen Pädagogik scheint wohl gescheitert zu sein. Trotzdem beharren viele Eltern darauf, dass die PISA-Studien nicht jene Kompetenzen bewerten, welche für ein zukünftiges Berufsleben wichtig sind.

Ein anderes Problem ist der Lehrermangel an Schwedens Schulen. Zu wenige ergreifen den unterbezahlten Lehrerberuf. Laut einer Umfrage der Lehrergewerkschaft möchten 60% der Fremdsprachenlehrer in den nächsten drei Jahren den Schuldienst verlassen, weil sie mit den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung unzufrieden sind.

Fehlende Disziplin im Unterricht: Ein weiteres  Problem, über das sich selbst schon Schüler beklagen, ist die mangelnde Disziplin und die Unruhe während des Unterrichts an den meisten schwedischen Schulen. Der Grund liegt in der schwedischen Mentalität selbst, die jeden Anflug autoritären Verhaltens überkritisch betrachtet. Aus dem gleichen Grund besitzen die meisten Schulen keine Hausordnung. Obwohl das schwedische Schulgesetz klare Disziplinarmaßnahmen zulässt, trauen sich viele Lehrer nicht, diese auch umzusetzen, um nicht bei Kollegen, Schülern, Eltern und der Schulleitung anzuecken. Es kommt nicht selten vor, dass Schüler mit einer polizeilichen Anzeige drohen, wenn ein Lehrer zu Disziplinarmaßnahmen greift. Als ich eine Schülerin beim Abschreiben erwischte, drohte sie mir damit, dass ich gefeuert werden würde.

Eine ganz normale Unterrichtsstunde an einer ganz normalen schwedischen Schule: Was Laptops, interaktive Whiteboards und WLAN im Klassenzimmer bewirken, möchte ich an einer ganz normalen Deutschstunde der 7. Klasse in einer schwedischen Großstadt mit über 100.000 Einwohnern beschreiben. Die Pause ist zu Ende und die etwa 20 Schüler warten auf mich auf dem Gang, bis ich das Klassenzimmer aufschließe. Ihre Wartezeit verbringen die Schüler damit sich mit ihren Smartphones zu beschäftigen, denn der Internetzugang ist ja dank des überall im Schulgebäude empfangbaren WLAN frei. Die meisten Lehrer fangen nun an die Smartphones an der Türschwelle in einem großen Karton einzusammeln. Über diese Maßnahme konnte an meiner Schule jeder Lehrer selbst bestimmen. Fast jeder Schüler besitzt ein Smartphone und fast die Hälfte davon starrt in den Pausen von der übrigen Welt entrückt auf diese Apparate. Viele Schüler haben weder Hefte, Schreibzeug oder Bücher dabei. Hingegen hat jedes Kind sein kleines Notebook immer um die Schulter geschnallt. Als Lehrer bin ich auf mein Notebook zwingend angewiesen. Dies hat zwei Gründe:

Elektronische Erfassung von Schulschwänzern: Erstens bin ich dazu verpflichtet jeden schwänzenden Schüler über ein elektronisches Erfassungssystem online zu melden. Dafür habe ich ein Passwort und einen Code-Generator an meinem Schlüsselbund. Das Programm informiert die Erziehungsberechtigten dann sogleich mit einer SMS über das unerlaubte Fernbleiben vom Unterricht. Das gute alte Klassenbuch hat ausgedient. Die Bedienung des Programms ist nicht so einfach, während vor mir 20 tobende und kreischende Kinder darauf warten, bis der Unterricht endlich beginnt. Disziplin ist nämlich für die meisten schwedischen Kinder entweder ein Fremdwort oder ein unzulässiger Eingriff in das Persönlichkeitsrecht der freien Entfaltung.

Das digitale Whiteboard als Nervenprobe: Zweitens funktioniert das für etwa umgerechnet 5000 bis 6000 Euro angeschaffte digitale Whiteboard nur dann, wenn ich mein Notebook mit dieser elektronischen Tafel verkabele. Gleichzeitig muss ich noch eine Steckdose suchen, damit mein Akku auch noch in der nächsten Schulstunde in einem anderen Klassenzimmer durchhält. Dort funktioniert die einzig erreichbare Steckdose nämlich seit Wochen nicht mehr. Und manchmal haben die Kabel Wackelkontakte. Wackelig ist auch die kleine runde, etwa 1,5 Meter hohe Ablage für mein Notebook, die an einen zu kleinen Bistrotisch erinnert und keinen Platz für Bücher, Hefte und Kopien bietet. Ein Lehrerpult, das etwas Respekt einflößte, gehört an schwedischen Schulen der Vergangenheit an. Die Schule für 500 Schüler hat einen Angestellten, der sich ausschließlich um alle Rechner und die restliche PC-Technik kümmert. Nicht selten fehlt ein Schüler, weil er ein Problem mit seinem Laptop gerade lösen lässt. In den Pausen stehen die Schüler und Lehrer vor der Service-Abteilung Schlange.

Zum Glück hatten alle Klassenzimmer an der neu renovierten Schule wenigstens noch ein normales Whiteboard erhalten. Als Notlösung gedacht, ist es allerdings nur etwa 1 Meter mal 1,5 Meter groß und an einer Ecke der Wand gequetscht, was dazu führt, dass einige Schüler keine uneingeschränkte Sicht zu dieser guten alten Tafel hatten.

Die Klassenzimmer sind mit einer großen Fensterfront ausgestattet. Sie sorgen wenigstens im Sommer für gute Lichtverhältnisse, damit Lehrer und Schüler aufmerksame Schulstunden verbringen können. Allerdings ist der Kontrast der digitalen Whiteboards zu schwach für die normale Tageshelligkeit. Die Schüler ziehen selbst bei Bewölkung die Fenstervorhänge zu und bitten mich das Licht einzuschalten. Bei diesem Kunstlicht lässt besonders in den dunklen Wintermonaten die Konzentration recht schnell nach. Das alles passiert in einem Land, in dem viele Menschen durch den winterlichen Lichtmangel mehr oder weniger an einer Winterdepression leiden. Die schwedischen Winternächte sind lang. Die Nacht fängt gegen 16:00 an und um 9:00 kommt erste die Sonne wieder hervor. Am Rande sei bemerkt, dass ich mir die Stifte für das Whiteboard selbst gekauft hatte und sie wie mein Augapfel hütete. Der Antrag auf die Zuteilung von solchen Whiteboard-Stiften wäre ein zu großer bürokratischer Aufwand gewesen, erzählten mir meine Kollegen. Mein Notebook habe ich allerdings ohne Quittung einfach so vom Fleck weg erhalten.

Wie WLAN und Laptops den Unterricht im Klassenzimmer verändern: Nun beginnt der Unterricht. Wenn ich das Einsammeln der Smartphones auf Grund meiner Gutmütigkeit unterlasse habe, sind die weniger ambitionierten Schüler, wozu etwa 80% gehören, nicht von ihren Smartphones abzubringen. Sie machen damit alles, was sie vom Unterricht abhält. Nun bitte ich die Schüler einen Text von Schwedisch auf Deutsch zu übersetzen. Sie haben die Möglichkeit, den Text entweder auf Papier zu schreiben oder in ihren Laptop einzutippen. Die fleißigen Mädels in den vorderen Reihen schreiben lieber auf Papier oder sind mit der Übersetzung am Laptop beschäftigt. Häufig stellen sie Fragen an mich und sind für jeden Tipp dankbar. Nun schaue ich mal in den hinteren Reihen nach dem Rechten. Schnell klickt ein Schüler ein Programm weg. Kein Einzelfall und eher die Regel. Es war irgendeine Video-Plattform. Ein anderer Schüler präsentiert mir stolz seine Übersetzung. Natürlich merke ich, dass er sie von einem Online-Übersetzungs-Programm hat ausführen lassen. Ein anderer hört ganz unverfroren über seine Kopfhörer Musik während des Unterrichts. Er meint er könne sich so besser vom Lärm im Klassenzimmer ablenken und dadurch besser lernen. Sein Gesichtsausdruck ist leer, traurig und abwesend. Vom Unterricht bekommt er überhaupt nichts mit. Ein anderer Schüler verlässt aus reiner Höflichkeit plötzlich den Unterricht, weil sein Handy klingelte. Viele Eltern sind gegen ein Handyverbot im Unterricht, weil ihre Kinder immer erreichbar sein sollen.

Versuche ich etwas zu erklären, ist nach 10 Minuten die Konzentration der meisten Schüler schon am Boden. Der einen Hälfte ist der Unterricht zu langatmig und die andere Hälfte scheint überhaupt nicht zu kapieren, worum es geht, weil sie mal wieder den Anfang verpasst haben. Eigentlich bräuchten sie Einzelunterricht. Aber mich gibt es nur einmal im Klassenzimmer. Besonders frustrierend ist es für die zahlreichen Schüler mit einem Migrationshintergrund, wenn für sie Schwedisch nicht ihre Muttersprache ist. Obwohl Schwedisch nur meine Zweitsprache ist, habe ich es mir im Unterricht angewöhnt ein leicht verständliches und damit im Wortschatz verarmtes Schwedisch zu sprechen, damit wenigstens diese Kinder eine Chance haben dem Unterricht etwas zu folgen. Allerdings geht dies wieder zu Lasten der schwedischen Muttersprachler.

Ständig muss ich die Schüler ermahnen ihre Laptops zuzuklappen. Bei so viel Ablenkung durch die massive Bombardierung mit mehr oder weniger unsinnigen Eindrücken durch die Verlockungen des Internets fällt es den Kindern schwer sich längere Zeit auf etwas zu konzentrieren. Schnell sind sie gelangweilt. Die Erkenntnis, dass Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen zu positiven Lernerfolgen führt und somit zu einer inneren Befriedigung leitet, scheint den meisten Schülern unbekannt zu sein.

Man könnte ja meinen, dass auf dem Laptops der Schüler für den Unterricht abgestimmte Lern- und Trainingsprogramme vorinstalliert sind. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber daran hat anscheinend niemand gedacht. Offenbar sollen die Schüler Kompetenzen entwickeln selbständig zu recherchieren. Doch damit sind die meisten Schüler völlig überfordert und zerstreuen sich in den Weiten des Internets, das mit so viel Unsinn und Blödsinn lockt. Übrigens brauche ich für den Betrieb guter Lernprogramme kein Internet und kein WLAN.

Die guten Schüler möchten deshalb lieber mit den Lehrbüchern arbeiten, die es allerdings nur als abgegriffene und speckige Leihgaben gibt. Das Notebook und ihr Smartphone nutzen sie nur, um ab und zu mal etwas nachzuschauen. Zu den gedruckten Lehrmaterialien gibt es auch ergänzende Bücher mit vielen Übungsaufgaben zum Ausfüllen. Leider dürfen die Schüler diese Bücher nicht ausfüllen, da es sich um Leihbücher handelt. Für neue Bücher fehlt wohl nun das Geld. Eigentlich ist das ein Witz, wenn es nicht bittere Wahrheit wäre.

Für gute Schüler sind Laptops ein zusätzliches Werkzeug, das sie ab und zu zielgerichtet nutzen. Die schwachen Schüler nutzen das Notebook und die Smartphones nur dazu, um die Zeit totzuschlagen, weil sie den Unterricht nicht mehr folgen können. Bei ihnen ist bereits ein Teufelskreis eingetreten, der sie zu Schulversagern abstempelt, was sie zum Teil auch noch selbt verinnerlichen. Für die wenigen guten Schüler ist der Laptop im Klassenzimmer eine Ergänzung. Für die Mehrheit der Schüler ist es allerdings nur ein Spielzeug, das eine Sogwirkung auf das Scheitern in der Schule bewirkt.

Die Auswirkungen von WLAN und Computer im Klassenzimmer sind längst bekannt und umfassend untersucht: Meine persönlichen Erkenntnisse sind überhaupt nicht neu. In Großbritannien hat eine Studie an über 80.000 Schülern gezeigt, dass ein Handyverbot an Schulen besonders die Schulleistungen bei den schwachen Schülern signifikant verbessert (nachzulesen bei Manfred Spitzer, Cyberkrank, S. 377 folgende). Und was für Smartphones im Klassenzimmer gilt, lässt sich auch auf Tablett-PCs und Notebooks im Klassenzimmer übertragen.

Wer Prof. Manfred Spitzers zahlreichen Veröffentlichungen über die Lernpsychologie und die wissenschaftlich belegten Auswirkungen der Computer- und Internetnutzung verfolgt hat, wundert sich nur mit einem Kopfschütteln oder einem Entsetzen über den Vorstoß der deutschen Bildungsministerin. Prof. Spitzers spannende Vorträge lassen sich zum Beispiel auf Youtube finden. Sie sind eigentlich ein Muss für jeden Entscheidungsträger in der Pädagogik – sei es als Lehrer oder Eltern, wobei ich die Schüler nicht ausklammern möchte.

Zusammenfassend und vereinfachend erklärt sind Kinder und Jugendliche einfach noch zu unreif um selbständig im Internet gezielt lernen zu können. Den meisten fehlt noch das Basiswissen um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Zudem kommt es auf gute Lernprogramme an, die auch für Schüler geeignet sind und sich in den Unterricht sinnvoll einbetten lassen. Sie sind der ganze Haken bei der Digitalisierung des Lernens. Viele Lernprogramme taugen einfach nichts und wurden nie auf ihre Wirkung überprüft. Was bei Erwachsenen gut funktioniert, muss bei Jugendlichen wegen der meist fehlenden Selbstdisziplin und des fehlenden Hintergrundwissens noch lange nicht zum Erfolg führen. Ungezählte Studien haben längst bewiesen, das WLAN und Laptops an Schulen kontraproduktiv sind. WLAN im Klassenzimmer verschlechtert die Schulnoten. Laptops haben keinen positiven Effekt. Je jünger die Kinder sind, desto nachteiliger sind die Auswirkungen für sie. Das fängt schon beim Fernsehkonsum der Kleinkinder an, der dann im Schulalter zu einer verzögernden Sprachentwicklung und mangelnder Aufmerksamkeit führt. Diese Erkenntnisse sind schon seit Jahrzehnten bekannt. Jeder Logopäde kann davon ein Lied singen. Trotzdem glauben immer noch Eltern ein Tablet-PC oder eine Spielekonsole würde ihren Kindern im Vorschulalter nicht schaden. Selbstverständlich käme wohl heute niemand mehr auf die Idee Säuglinge mit einem Schluck Brandy zu beruhigen. Vor 200 Jahren war dies aber in manchen Teilen Europas noch selbstverständlich. Jeder weiß, dass Rauchen schädlich ist. Vor 30 Jahren sah man dies noch nicht so eng. Damals dachte man die sozialen Vorteile unter geselligen Rauchern überwiegen die geringen Gesundheitsrisiken. Heute sieht man das ganz anders. Wir können es uns nicht leisten eine ganze Generation von Schülern durch eine blauäugige Schulpolitik, die aus dem hohlen Bauch heraus entscheidet, um ihre Zukunft zu bringen.

Effektives Lernen funktioniert mit allen Sinnen und nicht am Computer: Weiterhin hat sich auf Grund psychologischer Experimente mit Erwachsenen und Kindern gezeigt, dass Lernen am besten im Zusammenhang mit Bewegung und allen Sinnen gelingt. Nur so lässt sich die Welt buchstäblich begreifen, fühlen und beschnuppern. Ein Chemieunterricht ohne den Geruch von Chlor, Phenol, Schwefelwasserstoff und einer Knallgasexplosion bleibt ein theoretisches Blabla ohne Bezug zum Leben und ist schnell wieder vergessen. Was ich selbst von Hand in einer Schreibschrift festhalte, speichert sich besser im Gehirn ab. Das, was ich laut vortrage und einem anderen erkläre, haftet besser im Gehirn. Was ich in unterschiedlichen Situationen wiederhole, ist intensiver im Gehirn verknüpft. Der flache Bildschirm oder das glatte Touchscreen können dies in ihrer Eindimensionalität und Flüchtigkeit nicht leisten. Also geht es doch wieder zurück zu den eigenen Experimenten mit einem Chemiebaukasten und zum Schulbuch, in dem man herumkritzeln darf und das sich anfassen lässt. Das eigene Schulbuch ist vor jedem Festplatten-Crash und jedem Speicherkonflikt sicher. Es kann noch nach Jahrzehnten als Nachschlagewerk dienen.

In Schweden beginnt ein zaghaftes Umdenken: Offenbar scheint auch im digitalisierten Schweden langsam ein Umdenken einzusetzen.  Vor einigen Monaten präsentierte im schwedischen Fernsehen eine norwegische Studie die Erkenntnis, dass handschriftliche Notizen besser im Gedächtnis haften bleiben als das, was man nur in die Tastatur getippt hat. Eine andere schwedische Studie zeigte, dass Kleinkinder, die mit Bauklötzen spielen, kognitiv besser sind, weil sie ein besseres räumliches Vorstelllungsvermögen entwickeln. Einige schwedische Kindergärten bringen den Kindern das Zählen und Rechnen spielerisch mit Fingerspielen bei. Wer so frühzeitig den unbefangenen Umgang mit Zahlen lernt, ist dann später besser in Algebra.

Dieser Tage warnte die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt SVT mit dem Aufmacher "Das Smartphone verändert das Gehirn" (http://www.svt.se/nyheter/vetenskap/hjarnan-forandras-av-mobilen). Weiter heißt es: "Forschungsergebnisse zeigen, dass unser Gehirn durch den ständigen Gebrauch von Computern, Handys und Tablett-PCs verändert werden kann und sogar schrumpfen kann." Warum Teile des Gehirns schrumpfen (Anmerkung: laut einer Grafik ist der Hyppokampus gemeint), sei noch unbekannt. Es könnte mit vermehrten Stress zu tun haben oder damit, dass sich das Gehirn anpassen würde, "was ja an sich gut sei, da es sich durch das Internet nicht mehr so viel merken müsste". Letztere Aussage kommt mir als den Versuch einer Verharmlosung für das vor, was seit Jahren bei schwedischen Kindern ohne wissenschaftliche  Grundlage angerichtet worden ist.

Lernen gelingt am besten mit Freude, Selbstdisziplin: Einer der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Lernpsychologie ist, dass Lernen Freude bereiten muss, wenn dieses Wissen später kreativ als erlernte Fähigkeiten zum Einsatz kommen soll. Was unter Drohungen und Zwang eingetrichtert wird, können Schüler nur ohne Sinn und Verstand wie ein Roboter rezitieren. Niemand will zurück zu dieser Pädaogik. Trotzdem muss eine Schule den Mut haben für ein Mindestmaß an Disziplin zu sorgen, damit der Unterricht überhaupt ungestört funktionieren kann. Dafür braucht es klare einfache Regeln, die für die Schüler einen sicheren Rahmen bieten, in denen sie sich möglichst frei bewegen können. Für einen Lehrer ist dies manchmal eine Gratwanderung. Alleine schon die sichtbare Anstrengung des Schülers muss zu einer Belohung und echten Anerkennung führen, damit ein paar schlechte Schulnoten beim Schüler nicht zu einer inneren Kündigung des Schülerdaseins führen. Ein guter Schüler darf auch nach Misserfolgen nicht gleich das Handtuch werfen.  Das Leben läuft eben nicht immer glatt. In der Praxis ist dies eine tägliche Herausforderung, für die der Lehrer oft keine Zeit hat.

Was Schüler wirklich über Computer und das Internet unbedingt wissen müssen: Wir leben in einer Welt der Technik. Schüler brauchen dafür die Grundlagen der Physik, Chemie und Mathematik, damit sie sich keinen Bären aufbinden lassen. Sie müssen wissen, wie eine Dampfmaschine funktioniert, wie ein Verbrennungsmotor ein Auto antreibt, was ein Elektromotor ist, warum es überhaupt Hochspannungsleitungen gibt und wie eine Heizung für Wärme sorgt. Sie müssen auch wissen, wie ein Computer aufgebaut ist und wie ein Programm funktioniert. Das alles können sie in der Schule lernen. Wie man das Programm X oder das Programm Y bedient, ist nicht der eigentliche Schulstoff. Sie müssen nur wissen, wie man sich die Bedienung der Programme selbst aneignet. In der Regel haben junge Menschen überhaupt keine Schwierigkeiten damit, worum sie Ältere beneiden, die sich mühsam die Bedienung ihres neuen Smartphones erkämpfen. Das Schreiben mit 10 Fingern, was ich Verfassern längerer Texte sehr empfehle, kann man sich auch noch als Erwachsener in 10 bis 20 Stunden aneignen. Das Internet ist voll von kostenlosen Lernprogrmmen dafür. Dazu brauchen wir nicht 5 Milliarden Euro an Schulen ausgeben.

Viel wichtiger ist es den Schülern eine kritische Distanz zu manchen sozialen Plattformen und dem Internet zu vermitteln. Dazu müssen sie lernen, wie das Internet aufgebaut ist, wie man damit Geld verdient,  wie Suchmaschinen funktionieren, warum es überhaupt soziale Plattformen gibt und welche Gefahren in der Manipulation der Meinungen bestehen können. Dazu brauchen sie nicht ständig ein Smartphone oder Laptop vor der Nase. Im Gegenteil.

Kinder und Schüler beschäftigen sich bereits in ihrer Freizeit viel zu lange mit den digitalen Medien. Durch die übermäßig lange Nutzung herrscht zudem Bewegungsmangel. Eine schwedische Schule  hat ganz einfach für mehr Ruhe im Klassenzimmer und bessere Schulnoten gesorgt, in dem sie einfach mehr Sportunterricht angeboten hat. Junge Menschen wollen sich bewegen und austoben können. Sie brauchen das. Danach können sie sich besser konzentrieren, was sich sogar positiv auf die Mathe-Noten auswirkt. Übrigens brauchen immer mehr schwedische Schüler wegen Kurzsichtigkeit eine Brille, weil sie in ihrer Freizeit viel zu viele Stunden auf ihr Smartphone oder ihren Computer schauen und dadurch ihre Augen verdorben haben. Die Schule sollte dazu keinen weiteren Beitrag leisten.

Was an den Schulen wirklich fehlt:  Was Schüler brauchen, sind mehr Lehrer und die geeigneten Rahmenbedingungen, die ihren Schülern zeigen, worauf es im Leben ankommt. Lehrer müssen ihren Schülern erklären, warum sie dieses Basiswissen aus Fakten und Fähigkeiten brauchen und warum sie es sich in jungen Jahren am leichtesten beibringen können. Heruntergekommene Schulgebäude und ein Laissez-faire aus Bequemlichkeit sind zudem Ausdruck einer geringen Wertschätzung gegenüber den Schülern und der Wissensaneignung. Die Schule kann sich zum denkbar schlechtesten Ort für das Lernen entwickeln, wie dies bereits schon in Schweden droht, wo viele Schüler lieber daheim lernen, weil sie sich an den Schulen nicht sicher fühlen. An meiner  Schule wurde zeitweise mindestens einmal in der Woche die Polizei gerufen, die dann auch mit Schusswafen ausgerüstet zu Dritt kam. Zum Schluss musste zusätzlich ständig sichtbares Wachpersonal eines privaten Sicherheitsdienstens die Schüler vor Straftaten schützen.

WLAN und Laptops in den Klassenzimmern übertünchen nur die Fassade eines maroden Schulsystems mit einem „zeitgemäßen“ und angeblich modernen Anstrich, der niemanden dienlich ist. Was junge Menschen brauchen, ist mehr Menschlichkeit, denn was auf der Strecke bleibt, sind neben den Schulleistungen auch die sozialen Kompetenzen, die Kinder nur im Umgang mit Menschen aus Fleisch und Blut von Angesicht zu Angesicht erwerben können.  Ein Computer oder Smartphone kann weder die gesamte Körpersprache eines Menschen widerspiegeln noch ein realistisches Bild der Welt vermitteln. WLAN und Computer sind das Letzte, was in einer Schule fehlt.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 03. Februar 2017 um 14:51 Uhr
 
3. Februar 2017

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